Sie waren nicht lange in der Luft, denn schon bald nachdem sie die weiße Landschaft hinter sich gelassen hatten setzte der Rylak zum Landeanflug in einer Festung der Eisernen Horde in den unzugänglichen Bergen am Rande von Gorgrond an. Der eiskalte Wind hatte Xoranyas Hände erstarren lassen und ihre Ohren waren ganz rot von der Kälte.
„Ich glaube meine Ohren sind angefroren. Bisschen was zum Aufwärmen wäre gut.“ Sie rieb die Hände aneinander und tippelte auf der Stelle.
Kondo legte seine warmen Hände auf Xoranyas Ohren und küsste sie auf die Nasenspitze. „Ich hoffe das hilft.“
Kondos Hände fühlten sich wie kleine Öfen an und brachten schnell die Wärme zurück in Xoranyas Körper. „Oh ja, sehr gut!“ strahlte sie ihn an.
„Dann lass uns den Konstrukteur finden.“

Um sie herum ragten schwarze metallene Wände in die Höhe. Ein kleiner Pfad führte vom Landeplatz fort und als sie gerade um die Ecke bogen, blickten sie in die Mündung einer gewaltigen Kanone. Beide erstarrten und griffen nach ihren Waffen, doch die Kanone war unbemannt und offenbar nicht funktionstüchtig. Doch dahinter konnten sie patrouillierende Orcs ausmachen, die in Zweiergruppen beieinander standen oder den Weg abliefen.
„Da müssen wir uns durchschlagen,“ flüsterte Kondo. Xoranya nickte zustimmend.
Kaum hatten sie die erste Gruppe erreicht, schlugen diese Alarm und wenige Augenblicke später explodierten gewaltige Feuerkugeln neben ihnen. Es gelang ihnen zwar diesen auszuweichen, doch ihren Ursprung konnten sie nicht ausmachen. Also eilten sie links eine Anhöhe hinauf, um sich aus dem Schussfeld zu bringen.
„Gehen wir systematisch vor. Ich rechts, du links.“
Kondo nickte und verschwand im linken Gebäude, während Xoranya sich erst den Weg zum rechten Gebäude freikämpfen musste. Doch außer Waffenkisten und Pulverfässern war nichts interessantes darin zu finden.
Kondo hatte dafür mehr Glück. „Da waren Karten an der Wand.“ Er reichte sein Fundstück Xoranya, die die Karte sogleich aufrollte.
„Sieht wie ein Lageplan aus.“ Xoranya drehte die Karte einmal und schaute sich um. Zwischen den vielen Gebäuden war nicht zu erkennen, wo genau auf dieser Karte sie sich nun befanden. Die Bedeutung von Himmelsrichtungen zur Orientierung schienen die Orcs auch nicht zu kennen oder sie kennzeichneten diese auf eine für Menschen nicht erkenntliche Weise. „Wir brauchen mehr Überblick.“
„Dort,“ Kondo zeigte auf einen kleinen Hügel, an dem sich der Weg verzweigte. Zwei kaputte Mörser und ein dutzend tote Orcs später, erreichten sie die Anhöhe und Xoranya faltete die Karte nochmals aus.

Belagerungswerk1
„Die großen Gebäude könnten das vor uns sein. Rechts und links sind ein paar kleinere, wahrscheinlich die an denen wir vorbei gekommen sind. Das da könnte das Kommandogebäude sein,“ sie deutete nach links zu einem gewaltigen Turm, der wachend über die gesamte Anlage blickte.
„In Ordnung. Dann los!“ Kondo stürmte vor und beschäftigte eine Gruppe Orcs, während sich Xoranya um die verteilt stehenden Scharfschützen kümmerte.
Die Wachen am Treppenaufgang waren keine wirkliche Herausfoderung für die beiden Paladine, so dass sie den Eingang zum Gebäude ziemlich schnell erreichten. In dem großen Raum lief ein gut gerüsteter Orc mit einer Axt fast so groß wie er selbst umher.

„Ob der gesprächiger ist?“ Xoranya umklammerte den Griff ihres Schwertes mit beiden Händen. Sollte das der Anführer sein, hätten sie mit bedeutend mehr Gegenwehr zu rechnen.
„Versuchen wir es!“ Kondo lächelte sie gelassen an.
„Hey, Hackfresse. Wo habt ihr den Gefangenen?“ Xoranya schritt langsam in den Raum und baute sich zu ihrer vollen Größe auf, auch wenn sie dem Orc gerade mal bis zur Brust reichte.
„Würmer! Sterbt!“ Der Orc ließ ein bestialisches Brüllen verlauten und rannte seine Axt schwingend auf die kleine Frau zu, Kondo ignorierte er zunächst.
Xoranya ließ sich davon aber nicht beeindrucken. „Das kennen wir schon. WO IST DER DRAENEI?“
„Wenn hier einer stirbt, dann bist du das!“ Kurz bevor der Orc Xoranya erreicht hatte, stellte sich Kondo ihm in den Weg und wuchtete ihm seinen Streithammer gegen das Kinn.
Der Orc taumelte überrascht zurück. „Er nützt euch nichts mehr! Er hat seine Schuldigkeit getan!“
Seine Augen glühten vor Wut, als er seine Axt schwang um Kondo in Stücke zu hacken.
„Wo ist er?“ Kondo parierte die Schläge, wurde aber zurückgedrängt.
„Ihr werdet das Artefakt niemals finden! NIEMALS!“ Schlag um Schlag prasselte auf Kondo ein.
„Wo ist der Gefangene?“ Xoranya griff den Oberanführer von hinten an, doch ihr Schwert glitt an dem schwarzen Stahl seiner Rüstung ab.
„Er stirbt einen kalten Tod!“ Der Orc bäumte sich auf und lachte irre.
Xoranya warf Kondo nur einen Blick zu und ihre Waffe erstrahlte in gleißendem Licht. Mit einem Nicken öffnete Kondo seine Verteidigungshaltung, um den Orc zu einem unüberlegten Angriff zu verleiten. Und während der Orc diese Gelegenheit für einen finalen Schlag nutzte und einen Ausfallschritt nach vorne machte, drang Xoranyas mit der Macht des Lichts erfülltes Schwert wie Butter zwischen die an der Seite verschnürten Panzerplatten. Der Orc brüllte schmerzerfüllt und schwang seine Axt nach der lästigen Frau. Während die sich leichtfüßig unter dem Schlag wegduckte, schmetterte Kondo seinen gleißenden Streithammer gegen den Schädel des Orcs. Ein markerschütterndes Knirschen war zu hören, als die Schädeldecke nachgab und der Orc mit einem dumpfen Poltern zu Boden fiel. Seine Axt rutschte aus den Händen und schlitterte noch einige Meter über den Boden, auf dem sich langsam eine größer werdende Blutlache bildete.
Xoranya trat einmal gegen den Oberanführer, um sicher zu gehen, dass er wirklich tot war. Doch er rührte sich keinen Millimeter.
„Einen kalten Tod?“ fragte Kondo. „Was meint er damit?“
„Kalt ist es hier überall. Keine Ahnung. Aber es hörte sich so an, als hätte er nicht mehr lange zu leben.“
„Um so wichtiger ist es, dass wir ihn finden!“ Kondo verließ mit großen Schritten den Turm.
„Also kämpfen wir uns weiter durch?“ Xoranyas Frage wurde mit einem entschlossenen Nicken quittiert und so bahnten sich die beiden ihren Weg zum nächsten Hauptgebäude.

Metallene Hitze schlug ihnen entgegen, als sie das Gebäude betraten. Sie kamen an eine Treppe, die zu einer Schmiede hinunter führte. Der Raum war leer, so dass sie sich in Ruhe umsehen konnten.
Neben dem Kessel, in dem das flüssige Metall blubberte, fanden sie eine Karte auf dem Boden.
„Das ist eine Karte von Draenor!“ bemerkte Xoranya sofort.
Ein Messer steckte in der Karte und schien einen Punkt zu markieren.
„Ist das nicht im Tanaandschungel?“, fragte Kondo.
„Ich glaube auch.“ Xoranya zog das Messer aus der Karte und steckte sie sicherheitshalber ein.
„Der Orc hat was von einem Artefakt gefaselt. Hatte der Konstrukteur nicht an einem Artefakt gearbeitet? Ich habe da ein ganz mieses Gefühl.“
Da in der Schmiede nichts weiteres zu finden war, traten sie wieder hinaus in die Kälte des Nordens. Gerade als sie sich von hinten an einen Mörser heranschleichen wollten, hörten sie ein Stöhnen aus einem Tunnel rechts von ihnen tönen.
„Hörst du das auch?“, Kondo blickte nach hinten zu Xoranya, die wortlos nickte. Vorsichtig näherten sie sich der Höhle, in der die Temperatur nochmals um mehrere Grade zu fallen schien.

Belagerungswerk2
An der rückwärtigen Wand war ein fast unbekleideter Draenei an ein Metallgerüst gefesselt. Schwere Eisenketten umschlangen seine Arme, die von erfolglosen Befreiungsversuchen wund gescheuert und blutig waren. Der schlaffe Körper hing mehr an den Ketten, als dass er sich aufrecht halten konnte und schien kaum noch bei Bewusstsein.
„Helft…mir.“
Kondo kniete neben dem Draenei nieder. „Wer bist du? Wir helfen dir gern!“
„Nee..vaarrrr.“ Der Kopf des Draenei kippte zur Seite weg und die Ketten gaben etwas nach, als er in den Schnee sank.
„Warte, ich befreie dich von den Fesseln.“ Ein paar Hiebe mit Kondos Streithammer genügten, um die Ketten zu zerschmettern.
Der Körper des Konstrukteurs war über mit Striemen und Wunden übersät, die sich teilweise entzündet hatten. Kondo nahm seinen Umhang ab und legte ihn um die Schultern des Draenei.
„Das…Licht ….hat mich…erhört,“ flüsterte Neevar, als er versuchte sich mit den Händen abzustützen. Die Anstrengung brachte ihn zum Husten und blaues Blut tropfte in den weißen Schnee.
Xoranya eilte herbei und legte ihre Hände auf die Brust des Draenei. Sie schloss die Augen und sprach ein Gebet. Währenddessen begannen ihre Hände hell zu leuchten und das wärmende Licht breitete sich auf Neevar aus. Er konnte seinen Blick wieder heben und sah Xoranya dankbar an. Seine Schmerzen ließen etwas nach, so dass er mit Xoranyas Hilfe wieder aufstehen konnte.
„Wir bringen dich fort von hier. Aber wir müssen uns durchkämpfen.“
„Geh du voran, ich schaff das schon.“ Xoranya, die etwa zwei Köpfe kleiner war als der Draenei, war kaum unter dem massigen Körper zu erkennen, den sie mit all ihrer Kraft zu stützen versuchte.
Der Hinweg war ihr gar nicht so weit erschienen, wie es der Rückweg nun war.
„Ein kleines Stück noch!“ Kondo versuchte wohl sie aufzuheitern.
„Alles gut. Kein Problem. Geht schon!“ schnaufte Xoranya.
Der Draenei war keine wirkliche Hilfe. Immer wieder knickten die Beine unter ihm weg und Xoranya musste sein ganzes Gewicht halten. Dazu kamen noch die zahlreichen Bombeneinschläge, denen sie ausweichen musste.
„Da vorne ist es schon!“ Tatsächlich waren sie endlich am Ende der Festung angekommen. Nur noch um die Ecke und der Landeplatz war in Sicht.

Kondo nahm ihr den mittlerweile bewusstlosen Draenei ab und hievte ihn auf einen Feendrachen. Da Xoranya sehr leicht war, setzte sie sich mit dazu, um den Mann festhalten zu können, damit er nicht vom Flugtier stürzte. Der Flug erschien ihr unendlich lang, doch der Feendrache glitt so sanft durch die Luft wie ein Fisch durchs Wasser. Vorsichtig setze er zum Landeanflug an und drehte mehrere Runden, bis er seine Fracht vorsichtig auf dem Boden absetzte. Kondo war schon gelandet und half den Draenei in die Kaserne zu bringen. Dort legte er ihn auf eines der Betten, während Xoranya einen Heiler auftrieb.
Die Ärztin verscheuchte die beiden Paladine, als sie den Verletzten sah.
„Er wird eine Weile brauchen um sich zu erholen,“ meinte Kondo.
„Die haben ihn ganz schön zugerichtet. Diese Monster.“ Xoranya schlug mit der Faust in die offene Hand.
„Monster, ja. Wir haben es ihnen vor Ort aber auch richtig gezeigt.“
„Vielleicht kann er uns sagen, was die Orcs von ihm wollten und was es mit dem Artefakt auf sich hat.“
Beide traten in die frische Nachtluft hinaus.
„Weißt du worauf ich mich jetzt freue?“
„Auf unser Bett?“ Kondo lächelte sie an.
„Das auch. Aber erstmal auf ein heißes Bad. Den Orcgestank wegwaschen und die Kälte aus den Knochen vertreiben.“
Kondo lachte. „Du hast ja so recht! Darf ich dein Rücken einschäumen?“
Xoranya grinste nur und schlenderte in Richtung ihres Wohnhauses davon.

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