Ihr Plan, mit der Verkleidung eines Apothekers unerkannt nach Unterstadt zu kommen, hatte wirklich funktioniert. Offenbar war keine der Wachen noch sonst irgendwer besonders darauf erpicht, herauszufinden wer sich hinter den dunklen Kapuzen verbarg. Und da sie recht zielsicher auf das Apothekarium zuhielten, schien das auch niemanden zu stören.
Es war dort seltsam ruhig und sie begegneten kaum jemandem, bis sie in den Labortrakt kamen. Dort standen orkische Wachen am Zugang und Xora glaubte ihren Gesichtern entnehmen zu können, das das der letzte Ort war an dem sie Wache schieben wollten. Es stank erbärmlich nach verfaultem Fleisch und grünliche Dämpfe schwebten dicht über dem Boden und reizten die Atemwege. Xoranya musste sich zusammenreißen um nicht zu husten. Untote husteten nicht.
Kondo hatte eher ein Problem mit dem Gestank, deswegen drängte sie ihn nicht stehen zu bleiben und normal weiterzugehen.

Sie hielten sich rechts und fanden auch recht schnell die Zellen der Gefangenen. In mehreren Käfigen waren Menschen und sogar Zwerge untergebracht.
Ein Apotheker war gerade dabei einem Mann einen Trank einzuflößen, welcher sich einige Augenblicke später in ein Schaf verwandelte. Der Untote begann zu lachen und das hilflose Tier zu quälen.
Xoranya musste sich zusammenreißen, um ihn nicht in ein Häufchen Asche zu verwandeln. Stattdessen besann sie sich auf ihr Ziel und ging zu einem anderen Käfig, in dem ein apathischer Zwerg saß, der schwarze Beulen am ganzen Körper hatte und mit glasigen Augen geradeaus starrte. An den Gitterstäben rüttelte eine junge Frau und flehte um Gnade.
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Xoranya griff nach ihr und zog sie ganz nah zu sich, dass sie ihr Gesicht erkennen konnte. Sie legte ihr eine Hand auf den Mund und sagte: „Ich kann euch helfen, wenn ihr mir einige Fragen beantworten könnt.“
Die Frau sah sie mit großen roten Augen an und nickte. Langsam nahm Xoranya ihre Hand wieder weg. „Wir suchen ein Menschenkind etwa drei Monate alt. Habt ihr es gesehen oder davon reden gehört?“
Die Frau wurde bleich und begann zu zittern. „Als ich hierher gebracht wurde, sah ich eine Frau wie sie jemandem mit einer Runenklinge eine Kette gab und sagte, sie solle ein Kind auf ihr Anwesen bringen.“
Xoranya blinzelte und holte dann die silberne Kette mit dem Bernsteinanhänger aus der Tasche. „Diese Kette?“
Die Frau nickte heftig.
„Welches Anwesen kann das sein?“, hackte Xoranya nach.
Die Frau zuckte mit den Achseln. „Darüber wurde nichts gesagt, aber so viele intakte Bauernhöfe gibt es hier in der Gegend nicht mehr. Ich habe früher hier gelebt.“
Xoranya sah noch einmal zu dem Apotheker, der immer noch kichernd das Schaf piesackte.
„Könnt ihr uns helfen den Hof zu finden, wenn wir euch hier raus bringen?“
Die Frau nickte energisch. „Ich tue alles, wenn ich nur hier raus komme.“
Xoranya holte eine kleine Phiole heraus. „Das ist ein Beruhigungsmittel. Es wird euch benommen machen und die Atmung verlangsamen. Wenn wir Glück haben hält man euch für tot.“ Sie verabreichte der Frau die Lösung und wechselte ein paar Worte mit Kondo. Auch er konnte sich noch daran erinnern, wie sie im Gefolge von König Varian über die Abwässerkanäle nach Unterstadt eindrangen.
Das war der einzig mögliche Fluchtweg.
Wenn sie ihn finden würden.
Wenn man sie nicht unterwegs aufhielt.
Kondo schaltete sicherheitshalber den Untoten aus, während Xora die Gefängnistür öffnete. Sie half ihm die Frau über die Schulter zu werfen und ging unbeirrt voraus. Sie betete, dass sie auch nun niemand mehr ansprechen würde.
Die Wachen, die schon vorher so teilnahmslos herumstanden, grunzten nur als sie vorbeigingen. Die Orkin sagte etwas, woraufhin ihr Kollege heiser lachte. Xora hielt den Atem an, aber sie wurden nicht verfolgt.

Kondo fand den Zugang zu den Kanälen sehr schnell und sie beschleunigten ihre Schritte.
Als sie schon dachten, sie hätten es geschafft, trafen sie auf eine Monstrosität.
Kondo wollte, dass sie ihn ablenkte und so trat sie vor den massigen Fleischberg: „Guten Tag.“
Man konnte im Gesichtsausdruck der Monstrosität ablesen, wie sein Hirn – falls es so etwas tatsächlich besaß – versuchte Xoras Aussehen mit den gesprochenen Worten in Einklang zu bringen. Diesen Moment nutze sie aus und stieß ihre bloße Faust in die offen liegenden Eingeweide des Fleischklopses, während sie in Gedanken ein Gebet formulierte. Xoranyas Silhouette begann hell zu leuchten und ein gleißender Lichtblitz löste sich von ihrer Faust. Die Monstrosität hatte nun geschaltet und versuchte mit ihren Waffen nach Xora zu schlagen. Doch ihre Eingeweide hatten bereits Feuer gefangen und sie zerfiel von innen heraus zu Asche, während sie einen röchelnden Schrei losließ.
Kondo war bereits nach draußen gerannt, als Xora in einholte.
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„Nichts wie weg hier, sonst haben wir gleich eine Horde Untote am Hals.“ Xoranya tätschelte die Wangen der Frau, um sie wieder aufzuwecken. „Wohin jetzt?“
Die Frau blinzelte. „Fenris…Insel Fenris…auf dem See“.
Kondo nahm die Frau wieder huckepack und sie beeilten sich ungesehen zum Ufer des Sees zu gelangen.
Das Wasser war eiskalt.
Erst jetzt merkte Xora, dass sie am ganzen Körper zitterte.
Sie hatten es geschafft.
Sie waren lebend entkommen und hatten endlich eine Spur zu ihrem Sohn.

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