Kondo war wie immer schon vor ihr aufgestanden.
Xoranya hatte kaum einschlafen können, da ihre Gedanken immerzu um ihr Kind kreisten. Erst in den frühen Morgenstunden fiel sie in einen erschöpften und wenig erholsamen Schlaf.
Nachdem sie eine Kleinigkeit gefrühstückt hatten, unterhielt Xora sich noch ein wenig mit dem Gastwirt, während Kondo schon einmal die Pferde vorbereitete. Und bei dem was ihr der für einen Zwerg recht schwatzhafte Wirt erzählte, formte sich in Xora langsam ein Plan wie sie an eine Verkleidung kommen könnte, die noch viel wirkungsvoller als ein altes lumpiges Kleid war.
Gleich ging sie zu Kondo und berichtete ihm was sie vorhatte.
Der Wirt hatte ihr davon erzählt, dass sich nicht weit vom Nistgipfel gen Südosten die Verlassenen in einer der alten Trollruinen niedergelassen und dort eine Forschungsstation eingerichtet hatten. Sie führten an den Wildtieren des Hinterlandes grausame Experimente durch. Immer wieder fanden die Jäger der Wildhämmer qualvoll verendete Tiere im Wald.
Also waren Apotheker der Verlassenen am Werk und diese kleideten sich in eine bestimmte Art schwarzer Roben, deren Anblick den meisten schon von weitem einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Das sollte ihre Verkleidung sein. Und wenn sie schon einmal da waren, konnten sie auch etwas das Labor aufräumen und einige der Todeswachen beseitigen. So weit abgelegen würde es sicher eine Weile dauern bis auffiel, was dort geschehen war.
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Die Forschungsstation machte sich schon von weitem durch den unverwechselbaren fauligen Geruch ihrer Bewohner bemerkbar. Außerdem hatten sie einen Seuchenwagen mitgebracht, der einen grünen Dunst verströmte. Xoranya und Kondo banden ihre Pferde an einem Baum fest und kletterten auf den kleinen Hügel, um von dort einen besseren Überblick zu erhalten.
Tatsächlich hatten die Verlassenen dort ein Labor eingerichtet. Es dampfte und zischte aus verschiedenen Tiegelchen und das irre Kichern einer Untoten in einer langen schwarzen Robe störte die Ruhe des Waldes.
Mehrere Wachen patrouillierten im Lager und auf den Hängen drumherum, so dass sie sich langsam näher heranschleichen mussten, um nicht sofort einen Großalarm auszulösen.
„Ich versuche zu der Apothekerin vorzudringen, versuche du die Wachen abzulenken,“ flüsterte Xora leise. Kondo nickte knapp und zog sein Schwert. Sie näherten sich einem der aufgestellten Zelte. Während Kondo auf eine Todeswache zu stürmte, bewegte sich Xora in Deckung lautlos zum Labor. Die Untote war so überrascht von dem Angriff, dass ihr nicht genug Zeit blieb um nach Hilfe zu rufen. Xoranya zog ihr ruckartig die Robe über den Kopf. Ein Knacken war zu hören als der ohnehin schon lose Unterkiefer der Apothekerin aus dem Schädel sprang. Er kullerte ein Stück und landete unter einem Tisch. Xoranya lief zurück zu Kondo, der gerade eine Wache niederstreckte.
„Ich habe sie,“ rief sie ihm zu.
Beide sahen sich um, niemand verfolgte sie. Der Einsatz war ein voller Erfolg. Bis die Verlassenen bemerkt hatten was geschehen war, waren sie schon über alle Berge.
Xoranya probierte die Robe gleich an. Sie stank erbärmlich, aber passte haargenau. Nach wenigen Minuten waren sie schon auf dem Weg über die Seuchennebelklamm hinauf in die Pestländer.
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Der Himmel trübte sich rot, als sie am Ufer des Darromersees ankamen. Dieser typische Dunst der Pestländer lag über dem Wasser und zog in großen Schwaden zu ihnen her. Sie hielten sich links und folgten dem Strand bis zum Trauerhügel.
Die Luft hier war frisch und die ehemals kranken Bäume trugen wieder saftige grüne Blätter. Ein deutliches Zeichen, dass sich die Natur zu erholen begann. Baugerüste an den Gebäuden verrieten, dass der Wiederaufbau schon im vollen Gange war.
Xoranya deutet zu Uthers Grabmal. „Machen wir einen kurzen Abstecher dorthin?“
Kondo nickte. „Lass uns ein Gebet sprechen.“
An Uhters Statue angekommen, knieten beide nieder, um den Segen des Gründers des Ordens der Silbernen Hand zu erbitten. Auch wenn dies nur ein Monument war, hatte Xoranya trotzdem stets den Eindruck Uthers Geist wäre allgegenwärtig an diesem Ort. Sie spürte, wie das Licht sie von innen heraus stärkte. Was auch immer sie in Andorhal finden würden, sie fühlte sich allem gewachsen.
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Nachdem sie die Brücke erreicht hatten, war klar dass der Kampf um Andorhal noch nicht gewonnen war. Todeswachen patrouillierten auf den Wegen. Die Häuser waren zerstört und kahle Baumstämme brannten. Keinem der Untoten ließen sie die Gelegenheit Alarm zu schlagen. Schnell kämpfen sie sich bis zum Rathausplatz vor, doch niemand schien auf sie zu warten.
Am Eingangstor des Rathauses hing eine frische Leiche herab.
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Es war eine Bürgerin, die dort erhängt worden war. Xoranya wollte sich gerade vor Ekel abwenden, als sie ein Stück Stoff an der Leiche entdeckte, das mit Blut beschmiert worden war.
Kondo holte es herunter und begutachtete es. „Alles ziemlich unleserlich.“
Xoranya nahm den Fetzen und drehte ihn mehrmals in Händen. Schließlich schien sie etwas entziffern zu können, da sich ihre Lippen stumm bewegten.
„Was steht da?“, fragte Kondo der sah, wie Xoranya immer bleicher wurde.

Mit heiserer Stimme las sie vor:
„Euer Kind gehört nun den Verlassenen!
Es wird erzogen, um eines Tages der dunklen Fürstin zu dienen.
Es wird der erste Spross eines neuen Geschlechts sein, das aus dem Leben geboren den Untod in sich trägt und weitergibt.
Der Tod wird über das Leben siegen!“
Xoranya ließ den Stoffetzen fallen und sank zu Boden. Kondo hielt sie fest. Sie begann zu zittern und schaute starr an Kondo vorbei. Er drückte ihre Schultern und redete auf sie ein, sie solle zu sich kommen.
„Wir müssen etwas unternehmen. Wir müssen Jordan finden.“
Xora sah ihn mit glasigen Augen an, dann nickte sie und stand energisch auf.
„Ich werde mein Kind nicht diesen Monstern überlassen.“ Sie zog ihr Schwert. „Suchen wir nach Hinweisen, wo sie Jordan hingebracht haben könnten.“
Sie suchten den Platz und die abzweigenden Straßen ab. Auf einer fanden sie Wendespuren eines Wagens, die aus der Stadt hinaus führten. Außerhalb von Andorhal begegneten sie einem Jäger, der mit seinem Hund die Wälder durchstreifte. Er erinnerte sich gleich an den Wagen, ein sehr seltsames Gespann. Gelenkt wurde er von einem Elfen und ein Todesritter ritt daneben und sah sich immer wieder um. Sein Hund hatte sofort angeschlagen, da aus dem Wagen wimmernde Geräusche ertönten. Aber ihm selbst war es zu gefährlich, die Sache weiterzuverfolgen. Er wußte nur zu berichten, dass der Wagen Richtung Bollwerk unterwegs war.
„Nach Unterstadt?“, stellte Kondo fest. „Wenn wir sie dorthin verfolgen wollen, müssen wir ausgeruht sein. Ein Stützpunkt es Argentumkreuzzuges ist nicht weit.“
Xoranya nickte. Ihre Gedanken kreisten um die Stadt der Verlassenen. Wie sollten sie unbemerkt dort hinein und vor allem lebend wieder herauskommen. Sie zupfte an ihrer stinkenden Robe. Vielleicht war genau diese Verkleidung die Lösung.
Sie fanden einen kleinen Bauernhof und machten es sich am Kamin gemütlich. Morgen würden sie sich einer neuen Herausforderung stellen müssen.
Tief ins Herz der Hochburg der Verlassenen vorzudringen war reiner Selbstmord.
Aber welche Wahl hatten sie, wenn sie ihr Kind retten wollten.
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