Vor drei Jahren in Westfall:

Der vergangene Sommer war von einer schrecklichen Dürreperiode gekennzeichnet gewesen. Die Ernte war mager und eine Hungersnot über den Winter unausweichlich.
Soraya Wallerstein sah in das wettergegerbte Gesicht ihres Mannes Raynold und strich durch seine mit grauen Strähnen durchzogenen Haare. Jordan, ihr Stiefsohn, kam zur Tür herein. Auch er wirkte müde und ausgemergelt.
„Vater, wir müssen Else schlachten. Ich weiß sonst nicht, wie wir Emma über den Winter bringen sollen. Das Futter reicht einfach nicht.Und wir brauchen ihre Milch doch für die kleine Marie.“
Das Schwein Else sollte ihre Versicherung für Notzeiten sein und offenbar waren diese nun gekommen. Raynold drehte sich um und nickte nur. Wenn sie nicht ausreichend Futter für die Ziege Emma hatten, würde sie nicht genug Milch geben. Und seine jüngste Tochter Marie war von ihrer Krankheit so geschwächt, dass sie ohne die fetthaltige Milch kaum noch Überlebenschancen hatte.
„Vielleicht sollten wir Xoranya oder Meinhardt um Hilfe bitten,“ wandte Jordan ein. „Ich meine… so schlecht ging es uns noch nie.“
„Meinhardt von Hohenfels? Ach hör‘ doch auf! Auf Amalias Beerdigung habe ich mir von ihm anhören müssen, dass es meine Schuld sei so eine schwächliche Tochter gehabt zu haben und dass ich es nur seiner unendlichen Güte zu verdanken habe, dass ich nicht für den Unterhalt ihrer Kinder eine Entschädigung zahlen muss. Er würde sich lieber einen Arm ausreißen, als seinem Schwiegervater Geld zu leihen.“ Kraftlos ließ Raynold sich auf einen Stuhl sinken. Soraya eilte zu ihm und kniete neben ihm nieder. Sie warf Jordan einen scharfen Blick zu.
„Dein Vater ist schon genug belastet,“ ermahnte sie ihn.
„Aber ich dachte nur….Xora hat mir einen Brief geschrieben…aus Darnassus. Sie würde uns sicher helfen, wenn wir sie bitten.“ Jordan trat einige Schritte vor und wollte seinem Vater eine Hand auf die Schulter legen, doch Soraya stellte sich ihm in den Weg.
„Sie hat die Familie verlassen! Sie hat uns verlassen! Wir werden auch ohne sie zurecht kommen!“ In ihren Augen funkelte purer Hass.
Jordan erschrak und senkte den Blick.
Soraya kniete sich wieder neben ihren Mann und sah in sein trauriges Gesicht.
„Ich habe gehört, dass eine Hilfslieferung unbekannter Herkunft in der Stadt angekommen ist. Mehrere Kisten mit Getreide. Sie sollen heute unter der Bevölkerung verteilt werden. Lass mich gehen. Ich werde sehen, dass ich etwas für uns ergattern kann.“ Soraya nahm seine Hand und drückte sie leicht.
Er sah sie aus dunklen Augenhöhlen an und lächelte. „Was täte ich blos ohne dich?“

Ein süßlicher Duft verbreitete sich im ganzen Haus, nachdem Soraya das Brot in den Ofen geschoben hatte. Ihr Magen schmerzte vor Hunger, doch sie konnte sich nicht überwinden etwas von dem frischen Brot zu essen. Sie brachte eine Scheibe in Milch getunkt zu ihrer kleinen Tochter und versuchte das kränkliche Kind davon zu überzeugen etwas zu essen. Die kleine Marie lag blass und schmächtig in einem kleinen Bett in der Küche, wo es immer warm war, so dass sie nicht frieren musste. Sie hatte heute beim Husten wieder Blut gespuckt und es war unwahrscheinlich, dass sie den Winter überstehen würde. Soraya nahm ihre kleine weiße Hand und strich ihr durch das dünne Haar.

Eine Woche nachdem das Getreide verteilt worden war, sprach sich ein Gerücht herum, dass einige der Bewohner um die Späherkuppe herum von einer seltsamen Krankheit heimgesucht worden waren. Auch Raynold und Jordan ging es seitdem nicht gut. Ihre Haut hatte begonnen sich zu lösen und Soraya musste täglich ihre Verbände wechseln, da die Wunden stark nässten und zu bluten begannen. Doch das Blut war nicht rot, sondern verfärbte sich schnell schwarz. Es roch nach Verwesung und Soraya musste jedesmal mit dem Ekel kämpfen, wenn sie die Verbände wusch. Auch nachts hielt sie es kaum im Bett ihres Mannes aus und schlief oft auf einem Stuhl neben Maries Bett in der Küche.
Es war Neumond als sie von einem gurgelnden Geräusch aus ihrem Halbschlaf geweckt wurde. Das helle Mondlicht warf große Schatten in den Küchenraum und ließ Soraya erschaudern. Plötzlich stand Raynold in der Tür.
„Wasser!“ seine Stimme klang rau und trocken. Soraya sprang auf und schenkte ihm einen Krug mit Brunnenwasser ein.
Er nahm einen Schluck und würgte. Wutentbrannt schleuderte er den Krug auf den Boden.
„Willst du mich vergiften, Weib?“ Er schlug ihr ins Gesicht, so dass sie nach hinten taumelte.
„Das ist klares Wasser. Ray, was ist nur los mit dir?“ stammelte sie ängstlich. So hatte sie ihren Mann noch nie erlebt. Er war immer der liebevollste Mensch gewesen und hatte niemals seine Hand gegen sie erhoben.
Mit einem schmatzenden Laut packte er sie und riß sie von den Beinen. Soraya versuchte sich aus seinem Griff zu befreien und tastete nach einem Topf, der in Reichweite stand. Sie bekam den Henkel zu fassen und schwang ihn gegen Rays Kopf. Von der Wucht überrascht taumelte er zur Seite, dabei rissen seine klauenartigen Hände eine tiefe Kratzwunde in Sorayas Oberarm. In Panik stürzte sie aus dem Haus hinaus aufs Feld und rannte bis ihre Beine nachgaben und sie in den sandigen Boden fiel.

Am nächsten Morgen kehrte sie ängstlich und zaghaft zu ihrem Haus zurück. Ihr Herz begann zu rasen, als sie schon von weitem die Rauchschwaden sah, die ihr entgegenzogen. Ihr Haus stand in Flammen. Soldaten der Brigade versuchten verzweifelt den Brand zu löschen. Mit Tränen in den Augen wich sie zurück. Sie schüttelte den Kopf als könnte sie das Bild, das sich ihr bot auslöschen.
Soraya begann zu rennen.
Sie rannte ziellos davon, ohne einen Blick zurück zu werfen.
Über eine Brücke hinein in den dunklen Wald.

Wie lange sie schon im Wald umhergeirrt war, wusste sie nicht mehr.
Ihr Oberarm mit der Kratzwunde schmerzte und eitriges Sekret begann heraus zu fließen. Provisorisch hatte sie ein Stück vom Saum ihres Kleides abgerissen und um den Arm gebunden.
An einem kleinen Tümpel machte sie Halt und wusch ihr Gesicht und die Hände.
Auf ihren Handrücken hatten sich schwarze Flecken gebildet. Panisch krempelte sie die Ärmel hoch und schlug ihr Kleid zurück, um ihre Beine zu begutachten. Überall waren diese Flecken. Soraya beugte sich über den Tümpel und wartete, bis das Wasser sich beruhigt hatte, um ihr Spiegelbild zu betrachten.
Ihr Atem stockte, als sie das eingefallene Gesicht sah. Vorsichtig betastete sie ihre Wangen. Die Haut fühlte sich an als hinge sie nur lose über den Knochen ohne das Gewebe darunter. Ihr Hals war dünn und faltig.
Sie beugte sich weiter vor und als ihre Haare nach vorne fielen merkte sie, dass sie grau fast schon weiß waren.
Soraya begann flach und immer schneller zu atmen.
„Nein!“ ihre Stimme war ein heiseres Krächzen.
Sie versuchte aufzustehen und stolperte rückwärts.
„Nein, das kann nicht sein!“

Sie war müde. Jeder Schritt war eine Qual.
In der Ferne sah sie einen Zaun, der zwischen den Bäumen hervorlugte.
Vielleicht eine Siedlung. Menschen, die ihr helfen konnten.
Jeder Atemzug schmerzte. Sie griff sich an die Brust. Flach atmend schnappte sie nach Luft.
Panik stieg in ihr auf.
Sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen.
Langsam verschwamm alles um sie herum.
Ich will nicht sterben, dachte sie. Bitte, nicht so…
Dunkelheit senkte sich wie ein Schleier über ihren Geist. Sie fiel und blieb leblos liegen.

Soraya schlug die Augen auf und sah ein faltiges mit Geschwüren und herabhängenden Hautfetzen entstelltes Gesicht über sich gebeugt.
Sie wollte schreien, doch es kam nur ein kehliges Röcheln aus ihrem Mund.
Das Gesicht wich etwas zurück und schien zu lächeln.
„Willkommen, Schwester! Du hast den Tod überwunden!“ Der knochige gebeugte Mann stand auf und stütze sich auf einen Stab, ohne den er sich wohl nicht auf den Beinen halten konnte wie es den Anschein hatte.
Soraya setzte sich auf und rutschte an die Wand der kleinen Hütte, in der sie sich befand.
„Wo bin ich? Wer sind Sie? Was ist passiert?“ stammelte sie.
„Du bist erwacht, meine Gute!Ich bin Apotheker Lydon.Ich suche alle diejenigen, die so sind wie du.“ Er versuchte sich etwas aufzurichten, was jedoch nur ein bedenkliches Knacken seiner Knochen zur Folge hatte.
„Wie ich?“ Soraya betrachtete ihre fahle Haut an den Händen und Beinen. Die schwarzen Flecken waren verschwunden, jedoch kräuselte sich ihre Haut wie bei einer alten Frau. Sie fasste an ihren Kopf und hielt plötzlich ein weißes Haarbüschel in der Hand. Ein Schreckensschrei entfuhr ihr.
„Jaja, der Versuch der Geißel eine neue Seuche in Azeroth zu verbreiten hat uns schon viele neue Schwestern und Brüder beschert. Nicht alle werden zu willenlosen Zombies. Einige entschlüpfen der Kontrolle des Lichkönigs, so wie du. Und meine Aufgabe ist es, sie zu finden.“
Soraya war sprachlos.
Sie wollte schreien, doch sie brachte keinen Laut heraus.
Sie wollte weinen, doch sie konnte keine Tränen vergießen.
Langsam stand sie auf. Wackelig hangelte sie sich an der Wand entlang zum Ausgang der Hütte.
Trübes Dämmerlicht empfing sie draußen. Sie sah an sich herab und betastete ungläubig ihren Körper.
Ihre vorher so prallen Brüste hingen schlaff herab, wie bei einem alten Mütterchen. Ihr Kleid hing an ihr wie ein Sack, als wäre es mehrere Nummern zu groß geraten. Dünne gelbliche Finger schauten aus den Ärmeln heraus. Weißgraue Haarsträhnen umrahmten ihr Gesicht.
Sie würde nie wieder in einen Spiegel sehen können.
Soraya dachte an Ray, Marie und ihr Haus. Sie hatte alles verloren. Ihren Mann, ihre Tochter und ihr Heim.
„Und nun?“ fragte sie den Mann, der hinter ihr in der Tür stand und sie mit einem heimlichen Lächeln beobachtete.
„Ich bringe dich zu deinem Volk und unserer Fürstin. Dort erwartet dich eine neue bessere Zukunft. Denn du musst die Qualen des Lebens und den Tod nicht mehr fürchten.“
Soraya senkte den Kopf und drehte sich zu ihm um. „Gehen wir.“

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