Xoranyas Herz klopfte heftig, als sie dich den Bergen, in denen Herdweiler gelegen war, näherte. An dem Halstuch, das sie trug, hatte sie die Brosche befestigt, die ihr Bruder Crowley gegeben hatte. Sie hoffte inständig, dass dieses kleine Symbol ausreichen würde, um sie sicher nach Herdweiler gelangen zu lassen.
Vor ihr versperrte eine Barrikade den Taleingang. Zwischen Berghängen standen mehrere, teils zerstörte Wägen und Wachen des scharlachroten Kreuzzuges patrouillierten.
Xoranya näherte sich der Stellung langsam und beobachtete wachsam die Magier, die sie etwas abseits der Barrikade ausgemacht hatte.
In der Zwischenzeit hatten die Wachen sie bemerkt und zogen ihre Schwerter.
Xoranya blieb etwas entfernt stehen. „Ich komme, um mein Schwert in den Dienst des Kreuzzuges zu stellen,“ rief sie.
Ein Soldat näherte sich vorsichtig. „Wer seid Ihr?“
„Mein Name ist Xoranya Connor, Ritterin der Silbernen Hand. General Lorik wird mich aus Kriegszeiten noch unter meinem früheren Namen Wallerstein kennen.“
„Ihr meint wohl Hochbeschützer Lorik!“, sagte der Soldat streng.
Lorik strebte schon immer nach Höherem, dachte sie bei sich.
Der Soldat betrachtete nachdenklich die Brosche an ihrem Hals und nickte schließlich.
„Ich werde Euch nach Herdweiler begleiten.“
Unter den misstrauischen Blicken der Kreuzzügler passierte sie die Barrikade und folgte dem Soldaten.

Xoranya wurde in einen Turm nahe der Burg Mardenholde gebracht und geheißen, dort an einem großen Tisch Platz zu nehmen und zu warten.
Fackeln erhellten den kleinen düsteren Raum, in den nur spärlich das Licht der Abenddämmerung fiel. Viel Zeit war verstrichen, ohne dass sich jemand blicken ließ. Murmelnde Stimmen vor dem Eingang verrieten Xoranya, dass die Wachposten von der Nachtschicht abgelöst wurden.
Xoranya schreckte auf, als sie das metallene Klirren einer Rüstung vernahm. Sie musste kurz eingenickt sein.
Ein großer, breitschultriger Mann betrat den Raum. Er war in die scharlachrote Rüstung der Kreuzzügler gekleidet. Seine linke Hand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes, dass er an der Seite trug. Buschige, leicht graue Augenbrauen umrahmten die funkelnden grauen Augen. Unter dem Schnauzbart schauten dünn zusammengepresste Lippen hervor.
Am anderen Ende des Tisches blieb er stehen und musterte sie.
„Wallerstein, hm?“, sagte er mit tiefer Stimme. „Ich dachte, Ihr wäret bei der Schlacht um Darroheim ums Leben gekommen. Es hieß, niemand hätte überlebt.“ Die grauen Augen schauten sie durchdringend an.
Xoranya fuhr ein Stich ins Herz. „Es ist wahr!“, sagte sie. „Wir haben die Schlacht verloren. Eine handvoll Überlebende konnte ich nach Andorhal bringen.“
Ein Klos bildete sich in ihrem Hals. Sie versuchte ihn hinunterzuschlucken. Mit rauer Stimme und glasigen Augen sagte sie: „ Es war mein erstes Kommando. Ich war damals noch zu jung für diese Bürde. Doch der Krieg hatte viele Opfer gefordert….“ Ihre Stimme versagte. Sie sah Lorik an. „Ich habe alle meine Männer an die Geißel verloren.“ Xoranya senkte ihren Blick.
„Wir alle haben schwere Verluste zu beklagen,“ sagte Lorik. Seine Stimme klang wehmütig.
„Doch warum seid ihr nun hier? Ist es nicht ein bisschen spät für Reue?“
Xoranya schüttelte den Kopf. „Ich bin damals davongelaufen. Vor der Verantwortung und vor mir selbst. Erst als meine Familie bei der letzten Invasion der Geißel ihr Leben lassen musste, ist mir das bewusst geworden. Und nun muss ich mich den Geistern der Vergangenheit stellen, die mich quälen. Ich möchte das gut machen, was ich damals versäumt habe.“
Lorik brach in schallendes Gelächter aus.
Xoranya sah ihn überrascht an.
„Da bist du etwas zu spät dran, Mädchen. Der Kreuzzug ist nur noch ein Schatten seiner selbst.“ In seiner Stimme schwang Zorn mit. „Aber natürlich interessiert das Sturmwind und den Orden nicht.“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Alleingelassen habt ihr uns! Wir haben uns dem Lichkönig gestellt, als er wieder versucht hat, unsere Welt zu versklaven. Und wir haben mit einem hohen Preis dafür bezahlt.“
Xoranya schaute ihn mit aufgerissenen Augen an und ihr war anzusehen, dass sie nicht wusste, von was er sprach.
Lorik atmete tief durch und beruhigte sich etwas. „Die Armee, die wir nach Neu-Avalon schickten, geriet in einen Hinterhalt und wurde vollständig ausgelöscht. Hochgeneral Abbendis hat einige Kreuzzügler ausgewählt, sie nach Nordend zu begleiten und Arthas zu verfolgen.“ Er ballte seine rechte Hand zur Faust. „Und mich hat sie hier zurückgelassen, mit einem Häufchen Soldaten. Zu wenige, um den Kampf fortzusetzen.“ Er drehte sich um und ging zum Ausgang. Bevor er den Raum verließ wandte er sich nochmals zu Xoranya.
„Wenn Ihr glaubt, Euch an der Geißel rächen zu müssen, geht nach Tyr’s Hand. Vielleicht hat man dort Verwendung für Euch. Ich kann nichts für Euch tun.“
Lorik sah Xoranya an und sie spürte die tiefe Enttäuschung und ein Stück Hoffnungslosigkeit, das aus seinem Blick sprach.
Nachdem er gegangen war, führten zwei Wachen Xoranya hinaus und begleiteten sie vor die Tore von Herdweiler.
Den ganzen Weg zurück nach Eisenschmiede musste sie über das nachdenken, was Lorik gesagt hatte. Und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte.

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