Was vorher geschah:

Valessia verachtete die Menschen. Ob lebendig oder untot.
Doch sie hatte Sylvanas einen Eid geschworen. Und dieser band sie an das Volk der Verlassenen.
Grüner Dunst kroch langsam den Boden hinauf, als sie dem Tunnel ins Apothekarium immer tiefer hinein folgte. Plötzlich öffnete sich der Tunnel und die untote Blutelfe stand in einem großen Raum, in dessen Mitte sich ein großer Tisch mit dampfenden und blubbernden Phiolen auf zahllosen Gestellen befand. Überall zischte und rauchte es.
Ihr Blick schweifte über die Wände, an denen verschiedenste Waffen und Instrumente hingen, teilweise noch mit Blut- und Fleischresten verunreinigt, die ihren Zweck verrieten. Aus einem Nebenraum drangen schrille und flehende Schreie.
Valessia ging unbeeindruckt weiter auf die Gestalt hinter dem Tisch zu.
Das Gesicht der Frau war hinter einem Mundtuch und einer dunklen Kapuze verborgen. Durchdringende gelb leuchtende Augen musterten Valessia.
„Wart Ihr erfolgreich?“ ihre Stimme war nicht mehr als ein röchelndes Krächzen.
Valessia zog ein kleines Büchlein aus der Tasche und warf es mit einer wegwerfenden Handbewegung auf den Tisch. Der lose lederne Buchdeckel klappte auf und das Buch schlitterte über den Tisch. Kurz bevor es über die Tischkante rutschte, legte die Frau ihre schwarz behandschuhten Finger darauf.
Valessia schob ihr Kinn vor. Etwas war an dieser Frau. Eine Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit gepaart mit rücksichtsloser Grausamkeit, die sie nur selten bei den Menschen erlebt hatte. Die Blutelfe lächelte. Die Frau war ihr eindeutig sympathisch.
„Sofern es Eure Forschungen weiterbringt,“ Valessia nickte knapp.
Die Frau nahm das Buch auf und betrachtete den Titel.

Tagebuch des Amtmann Horatio Weißross
Kampf um das Hügelland

Als sie wieder aufsah leuchteten ihre Augen und Valessia erkannte in ihnen die Vorfreude auf Erkenntnis. Sie wandte sich mit einem Nicken ab und schritt Richtung Tunnel.
„Schon bald werde ich wieder Eure Unterstützung brauchen.“ Valessia war sich sicher ein Lächeln in der Stimme der Frau zu vernehmen. Sie neigte leicht den Kopf und die Runen auf ihrem Schwert leuchteten kurz auf.

Schwarze Handschuhe glitten über die erste Seite des Tagebuches und blätterten sie um, als die Frau zu lesen begann.

Tag 12
Wir haben gerade Nachricht erhalten, dass Süderstade verloren ist. Die Kriegsmaschinerie der Verlassenen ist einfach übermächtig, wir haben Ihren chemischen Waffen nichts entgegenzusetzen.
So sinnlos es auch sein mag, ich werde versuchen, dieses Tagebuch stets auf dem neuesten Stand zu halten. Diese Kriegsgräuel müssen für die Nachwelt festgehalten werden.

Tag 16
Viele Bauern und Bewohner des Hügellands sind geflohen. Einige versuchten vergeblich, sich Richtung Osten zum Arathihochland durchzuschlagen. Sie wurden umgebracht, bevor sie den Thoradinswall erreichten.
Viele andere gingen Richtung Norden, um im Silberwald Zuflucht zu finden. Sie marschierten direkt in feindliches Gebiet! Verrückt, ich weiß, doch sie behaupten, die Worgen wären nun auf unserer Seite.
Zuletzt hörte ich, dass sie die Insel Fenris erreichten. Danach ist der Kontakt zu ihnen abgebrochen.
Worgen? Könnte es wahr sein…

Tag 19
Wir wussten, dass die Zeit knapp war. Wir haben so viele wie möglich evakuiert, doch Uferbach verkündete, dass er mit dem Hügelland untergehen würde. Wir alle entschieden, ihm zur Seite zu stehen.
Magistrat Uferbach, Bürger Wilkes, Schmied Verringtan und Bauer Getz, Bäuerin Kalaba und Bauer Ray bleiben ebenfalls, außerdem einige Dutzend Knechte. Lady Xoranya Connor war trotz ihres Zustandes nicht zu bewegen mit den Flüchtlingen zu gehen. Das Licht ist auf unserer Seite.

Tag 20
Die Felder des Hügellands gibt es nicht mehr. Sir Connor kam gerade noch rechtzeitig, um seine Frau zu retten. Er richtete unter den Verlassenen ein Massaker an, doch die Armeen der Untoten überrannten uns. Wer nicht floh, wurde gefangengenommen. Die Verlassenen haben uns zu Kriegsgefangenen erklärt. Wir sollen auf ihrer neuen Plantage knechten.

Tag 25
Sie haben unsere Bauernhöfe in Brand gesteckt und uns zusehen lassen. Der Wiederaufbau beginnt morgen.

Tag 40
Der Bau der Plantage ist fast abgeschlossen. Dieser Ort ähnelt keinem Bauernhof und keiner Plantage, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe.

Tag 41
Der Plantagenaufseher Stillwasser ist heute eingetroffen. Er hat uns alle aufgereiht und uns einer medizinischen Untersuchung unterzogen. Niemand weiß, was davon zu halten ist.

Tag 45
Wir haben mit der Arbeit in den Schlickfeldern begonnen. Sie züchten dort Giftpilze in brackigem Wasser und Schlamm.

Tag 50
Ich kann Schreie hören, die vom Haus des Aufsehers kommen. Immer mehr Menschen verschwinden nach und nach.

Tag 52
Ich habe einige Wachen über die Bauern reden hören, Ray, Getz und die Bäuerin Kalaba. Etwas Fürchterliches ist ihnen zugestoßen – daran gibt es keinen Zweifel.

Tag 60
Diejenigen unter uns, die noch übrig sind, sind fürs Leben gezeichnet. Einige Bauern behaupten, sie hätten des Nachts Ghule ihr Unwesen treiben sehen.

Tag 61
Heute haben die Ereignisse eine unerwartete Wendung genommen: Ein Apothekermeister von Tarrens Mühle ist eingetroffen. Die wenigen Informationen, die ich bekommen konnte, besagen wohl, dass er die Überaufsicht über die Unternehmung übernimmt. Sein Name ist Lydon.

Tag 62
Meisterapotheker Lydon wurde von Stillwassers Wachen weggezerrt. Er kreischte und schrie, dass die Dunkle Fürstin dafür Stillwassers Kopf rollen lassen würde. Wovon mag er bloß reden?

Tag 63
Ich sah sie in der vergangenen Nacht Uferbach und Verringtan fortholen. Das kann nur bedeuten, dass ich der Nächste bin.

Die Frau blätterte weiter, doch der Rest des Tagebuchs bestand nur noch aus unverständlichem Gekritzel. Sie fuhr mit dem Finger über die Seiten bis sie an einem Namen verharrte. Mit einem Ruck schlug sie das Buch zu.
„Rache ist so süß, mein Kind!“ zischte sie mit funkelnden Augen.

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