Xoranya wälzte sich von einer Seite auf die andere. Sie konnte keine Ruhe finden. Neben ihr lag Kondo und schlief tief und fest. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett, warf einen Umhang über und schlich die Treppe in den Gastraum hinunter. Es war still, nur im hinteren Bereich hörte man leise das Feuer knistern.
Sie verließ das Gasthaus von Süderstade und schlenderte zum Anlegeplatz. Die Nacht war kühl und der Himmel glitzerte voll von Sternen. Wie oft hatte sie hier mit Jordan gesessen und auf das Meer hinausgeschaut. Er hatte sie im Arm gehalten und von ihrer Mutter erzählt.
Warme Tränen liefen über ihre Wangen und tropften auf den dunklen Umhang.
Sie schloss die Augen und rief sich sein Gesicht in Erinnerung. Die langen blonden Haare, die strahlenden blauen Augen. Stets lag ein liebenswürdiges Lächeln auf seinen Lippen.
Plötzlich verformten sich die sonnengebräunten Züge seines Gesichtes. Eine sabbernde Fratze mit herausquellenden Augen starrte sie an. Hautfetzen hingen von den Wangen und weiße, strohige Haarsträhnen fielen von einem entstellten Schädel herab.
Xoranya schreckte hoch. Sie lag auf dem Steg und zitterte. Der Schlaf musste sie schließlich doch übermannt haben und so war sie eingenickt. Sie stand auf und wickelte sich in den Umhang ein. Schnell lief sie in das Gasthaus zurück und kroch zu Kondo unter die warme Bettdecke. Er drehte sich zu ihr und legte seinen Arm um ihre Hüfte.
Der Anblick des Ghuls ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Sobald sie versuchte, die Augen zu schließen kamen die Bilder von der Schlacht um Darroheim zurück. Sie hörte die Schreie ihrer Männer und das Weinen der Frauen und Kinder.
Seit sie nach Lordaeron zurückgekehrt war, verfolgten diese Alpträume sie. Der schmerzliche Verlust ihres Bruders und Vaters zehrten an ihren Nerven.
Sie hatte gehofft, mit dem Kampf gegen die Geißel in Andorhal oder an Corins Kreuzung die Geister ihrer Vergangenheit vertreiben zu können, doch je länger sie an dieser Front kämpfte, desto mehr nahmen sie ihre Gedanken und Träume gefangen.
Sie verspürte wieder den innerlichen Drang, sich dieser Aufgabe zu entziehen und nach Kalimdor zu reisen. Doch wenn sie sich ihrer Vergangenheit nicht zu stellen fähig war, wie sollte sie jemals ihren Frieden finden?

Xoranya warf einen Blick zu Kondo hinüber. Er hatte sein Schwert gezogen und hielt den Schild schützend vor sich. Er nickte ihr zu.
Sie nahm den Beutel, den sie von Chromie erhalten hatte aus ihrem Rucksack und stellte ihn in die Mitte des Platzes von Darroheim. Er war mit einer Kordel verschlossen.
Xoranya zögerte etwas, die Kordel zu lösen. Sie dachte an die letzten Tage, wie sie und Kondo auf Chromies Weisung hin Relikte der Schlacht um Darroheim gesucht hatten.
Xoranya verstand nicht viel von Magie und dem, was Chromie ihr über die Zeitlinie erzählt hatte. Sie lebte für das hier und jetzt und die Vergangenheit war für sie vergangen. Doch Chromie glaubte, dass sich die Vergangenheit verändern ließ, dass die Schlacht um Darroheim ein anderes Ende nehmen könnte. Dass sie das Schicksal wenden konnte.
Sie zog an der Kordel und öffnete den Beutel. Ein merkwürdiger Dunst strömte heraus und senkte sich über die zerstörte Stadt. Plötzlich waren die Häuser wieder intakt und reges Treiben herrschte auf dem Marktplatz. Die Stadtmiliz von Darroheim war angetreten und erhielt von Joseph Rotpfad letzte Befehle. Vor der Stadt hatte die Kompanie der Silberhand Stellung bezogen und wartete auf den Angriff der Geißel, der unmittelbar bevorstand. Davil Lichterschein stand an vorderster Front und hielt seinen Streithammer in Händen.
Xoranya und Kondo eilten zu ihm. Die Geißel durfte die Reihen der Ritter nicht durchbrechen.
Hinter dem Hügel waren schlurfende und gurgelnde Geräusche zu hören, als die Armee der Geißel anrückte. Xoranya umklammerte den Griff ihres Schwertes. Diesmal würden sie siegen.
„Für das Licht! Tod der Geißel!“, brüllte Davil und stürmte vor. Xoranya und Kondo wichen nicht von seiner Seite. Eine schier unendliche Masse von Gegnern schwappte über das kleine Städtchen. In kürzester Zeit waren die Straßen von den halb verwesten Leichenteilen der Ghule und zertrümmerten Skeletten übersät. Doch dann erkannte Xoranya hinter der Frontlinie Gestalten in dunklen Roben, die begannen schattenhafte Zauber zu weben.
Nekromanten, schoss es ihr durch den Kopf. Und plötzlich sah sie sich Angehörigen der Stadtmiliz gegenüber, deren tote Körper von unnatürlichem Leben erfüllt wurden und sich gegen ihre eigenen Leute wendeten. Chaos brach aus.
Xoranya versuchte sich zu orientieren.
Wo in aller Welt ist Joseph?
Sie ließ ihren Blick über das Schlachtgetümmel schweifen. Rotpfad kämpfte etwas abseits gegen eine monströse schwer gepanzerte Gestalt. Xoranya blieb einen Moment starr stehen.
Marduk!
Sie forderte die Männer um sie herum auf, ihr zu folgen und eilte Rotpfad zu Hilfe. Doch noch bevor sie den Captain erreichten, brach dieser unter einem gezielten Schlag des Todesritters zusammen. Marduk lachte und wandte sich unbeeindruckt den nahenden Verteidigern zu. Als Xoranya sich zu Rotpfad hinunterbeugen wollte, erkannte sie ihren Fehler. Es war bereits zu spät. Rotpfad hob seine Waffe und holte aus. Sie wich zurück, um dem unvermeidlichen Treffer auszuweichen, doch sie wusste, dass sie zu langsam war. Funken sprühten, als Rotpfads Waffe auf Kondos Schwert prallte. Kondo schlug unerbittlich auf den überraschten Captain ein, bis dieser stürzte. Der Paladin versenkte sein Schwert in Rotpfads Brust, als sich ein Schleier über das Schlachtfeld legte. Plötzlich standen sie wieder in dem zerstörten Darroheim und vor ihnen erhob sich Josephs Geist.
„Verzeiht mir! Ich habe großes Leid über diese Stadt gebracht! Ich danke Euch dafür, dass Ihr meine gefangene Seele erlöst habt,“ Joseph verneigte sich vor den beiden.
Xoranya nickte und sagte: „Eure Tochter erwartet Eure Rückkehr.“
„Pamela? Wo ist sie?“
Kondo deutete in Richtung des zerstörten Hauses am Berghang. Joseph eilte sofort dorthin und die beiden Paladine folgten ihm. Als sie am Haus ankamen, hüpfte Pamela ihnen bereits entgegen.
„Papa, Papa, da bist du ja endlich! Ich habe auf dich gewartet, so wie du es gesagt hast!“
Joseph hob sie hoch und gab ihr einen Kuss.
„Was wollen wir jetzt machen, mein Engel?“, fragte er Pamela.
„Erzählst du mir eine deiner Geschichten? Ich habe sie so vermisst. Und schau mal, hier ist meine Puppe! Die netten Leute haben sie für mich gesucht!“ Pamela hielt ihm die zerfledderte Stoffpuppe unter die Nase.
Joseph schaute zu Xoranya und Kondo auf und nickte ihnen dankbar zu. Er nahm seine Tochter bei der Hand und beide gingen langsam Richtung Marktplatz. Xoranya schaute den beiden Geistergestalten nach, die sich langsam begannen in Luft aufzulösen.
Sie konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Doch diesmal waren es keine Tränen des Schmerzes, sondern Tränen der Erleichterung. Sie spürte, wie die schwere Last von ihrem Herzen genommen wurde.
Kondo nahm sie in den Arm.
„Wir haben es geschafft!“, sagte sie leise. „Die verfluchten Seelen von Darroheim haben endlich wieder ihren Frieden gefunden.“
Sie sah Kondo an und lächelte. „Die dunklen Schatten meiner Vergangenheit sind fort.“
„Dann lass uns diesen trostlosen Ort verlassen. Unsere Aufgabe hier ist getan“, sagte er.
Xoranya nickte und rief ihr Schlachtroß herbei.
Als sie aus der Stadt ritten, fühlte sie sich leicht und unbeschwert.
Nun blieb ihr nur noch eines: sie musste mit Marjhan, Kommandantin des Scharlachroten Kreuzuges an der Kapelle des hoffnungsvollen Lichts sprechen. Zu vieles hatte sie in den Pestländern erlebt, worauf sie sich keinen Reim machen konnte. Sie hoffte, von ihr Antworten auf ein paar ihrer Fragen zu bekommen.

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