Der Gestank war fast nicht zu ertragen. Die beißenden Dämpfe brannten in den Augen. Xoranya blinzelte mehrmals, es wurde jedoch nicht besser.
Auf dem Feld vor ihnen stand ein großer Seuchenkessel, von dem giftiger Qualm aufstieg.
Kondo zeigte auf die gepanzerte Gestalt in der Nähe des Kessels. Das musste der Kessellord sein. Xoranya und Kondo stiegen von ihren Schlachtrössern und kämpften sich durch die Masse aus verfaulenden Ghulen und klappernden Skeletten, die den Kessel bewachten.
Der Kessellord fiel schnell unter den Lichtzaubern der beiden Paladine. Xoranya nahm ihm den Kesselschlüssel ab und begann, die giftige Brühe in eine Phiole zu füllen. Sie kämpfte gegen den Brechreiz an, den die Dämpfe in ihr auslösten.
Hinter sich hörte sie ein Röcheln und drehte sich angriffsbereit um. Doch Kondo hatte die Gestalt aus verwesenden Hautfetzen bereits niedergeschlagen.
Mit einem dankbaren Lächeln blickte sie zu ihm.
„Hörst du das?“, fragte Kondo, als sie die Phiole in der Tasche verstaute.
„Was?“, Xoranya lauschte.
„Schreie. Sie scheinen aus der Richtung zu kommen“, er deutete zu der Scheune des Hofes.
Nun hörte Xoranya es auch. „Gibt es hier noch Überlebende? Lass uns nachsehen!“
Vor der Scheune stand eine Gruppe scharlachroter Kreuzzügler. Sie schienen auf etwas zu warten.
„Erst die Gruppe in Andorhal, jetzt die. Ich finde ihr Verhalten sehr seltsam“, sagte Kondo.
Xoranya nickte. „Irgendetwas stimmt hier nicht!“
Ihr wurde schwarz vor Augen. Ein plötzlicher, starker Schmerz fuhr ihr in die Brust. Sie sah noch wie Kondo sein Schwert zog und ein Lichtblitz durch die Luft zuckte. Dann verlor sie die Kontrolle über ihren Körper und rannte davon, blindlings in die Gruppe der Kreuzzügler. Diese zögerten nicht lange und griffen Xoranya, die immer noch unter fremder Kontrolle stand, sofort an.
Sie spürte, wie die Wirkung des Zaubers nachließ und zog sofort ihre Waffe. Doch Kondo war bereits zur Stelle und erschlug die Kreuzzügler ohne zu zögern.
„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.
Xoranya hielt sich den Kopf. Er pochte vor Schmerzen.
„Ja, es geht schon wieder!“ Doch wirklich überzeugend klang sie nicht.
In der Scheune kamen ihnen weitere Skelette und Ghule entgegen. Von den Tieren, die einst hier ein Zuhause gefunden hatten, waren nur noch Knochenreste übrig geblieben. Auf dem Boden lag ein aufgeschlagenes Buch. Auf vergilbten Seiten stand zu lesen:

„Ich weiß nicht, was passieren wird, jetzt, wo Harold sich verwandelt hat. Es hat mich meine ganze Kraft gekostet, ihn zu dem einzigen Ort zu schleppen, den ich finden konnte, in dem er sicher eingesperrt ist und nicht herauskommen kann. Den Schlüssel habe ich bei mir und ich kann nur beten, dass es funktionieren wird…
Ich hoffe, ich schaffe es, hier herauszukommen, aber dazu brauche ich Geld. Unsere ganzen Sachen sind alle im Schrank, glaube ich… und jetzt, wo ich darüber nachdenke – trägt Harold den Schlüssel dazu nicht bei sich ?
Ich muss darüber schlafen. Im Augenblick bin ich todmüde.“

Schmerzliche Erinnerungen überwältigten Xoranya.
Der abgebrannnte Hof ihres Vaters.
Starkmantels Worte.
Wie sie in Darnassus gegen die Zombies gekämpft hat.
Ihre Tränen tropften auf das Tagebuch und die Tinte begann zu zerfließen.
Kondo legte ihr eine Hand auf die Schulter, um sie zu trösten.
Plötzlich spürte sie wieder diese ohnmächtige Wut, den Wunsch nach Rache, der ihre Gedanken beherrschte und sie aus der Scheune trieb, um wahllos die Untoten ins Jenseits zu schicken, die es wagten sich ihr in den Weg zu stellen. Sie kämpfte sich zum Wohnhaus durch, das neben der Scheune stand. Kondo blieb an ihrer Seite.
Im Haus war die Einrichtung zerstört und fauliger Geruch erfüllte die Räume. Allein im Obergeschoss fanden sie einen intakten, verschlossenen Schrank. Kratzspuren verrieten, dass jemand versucht hatte ihn zu öffnen. Xoranya und Kondo liefen wieder ins Erdgeschoss.
Xoranya, warum hast du uns verlassen?
Sie blieb starr vor Schreck stehen. Ein Ghul stürzte durch die Eingangstür geradewegs auf Xoranya zu. Kondo schlug ihm mit einem gezielten Hieb den Kopf ab. Unter einem erstickten Röcheln brach er zusammen. Xoranya eilte aus dem Haus und blickte ungläubig auf das Gebäude zurück.
„Was hast du?“, Kondo runzelte die Stirn.
Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen. Warme Tränen rannen über ihre Finger. Sie schluchzte leise.
Kondo versuchte sie zu trösten und nahm sie in den Arm.
„Ich habe gedacht, ich wäre stark genug. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das durchstehen kann.“
„Das wirst du!“, sagte er und Xoranya fühlte, wie sie durch seine warme Stimme wieder innere Kraft gewann.
Wieder näherten sich Ghule, die mit ihren krallenartigen Händen nach ihnen schlugen.
Beide sahen sich hinter dem Haus um und entdeckten dort ein Klohäuschen, aus dem ein entsetzliches Stöhnen und schrille Schreie zu hören waren. Als sie die Tür aufbrachen, stürzte sich ein großer Zombie auf sie. Nach einem kurzen Kampf lag das verfaulte Monster zu ihren Füßen. Erst jetzt erkannte Xoranya die zerrissene Latzhose und das verschmierte Hemd, das der Zombie trug. Und es erinnerte sie an die Arbeitskleidung, die auch ihr Vater immer getragen hatte, wenn er auf dem Feld gearbeitet hat.
„Das muss Harold gewesen sein“, sagte sie mit trockener Stimme. Kondo sah nach, ob er den Schlüssel für den Schrank finden konnte.
Xoranya konnte nur mühsam die Tränen zurückhalten. Dieser Ort und das Schicksal der Familie hatte sie zu sehr bewegt und an das erinnert, was sie selbst erlebt hatte. Sie ordnete ihre Gedanken und sprach ein kurzes Gebet. Doch sie sprach das Gebet nicht nur für die verfluchten Seelen dieser Familie, sondern auch für sich selbst.
Ihr Glaube wurde auf eine harte Probe gestellt. All das Leid, das ihr hier begegnete war viel schlimmer als alles, was sie sich hatte vorstellen können.
Sie blickte zu Kondo hinüber und sie war dankbar, dass sie diese Prüfung ihrer wahren Stärke nicht alleine bewältigen musste.

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