Das Bett in der Taverne in Gadgetzan war viel zu klein für sie beide. Xoranya rutschte etwas näher an Kondo ran, da sie das Gefühl hatte, sie würde gleich aus dem Bett fallen.
Kondo lag schlafend neben ihr und er atmete tief und gleichmäßig.
Xoranya fühlte sich hundemüde, der Kampf gegen die Trolle in Zul’Farrak war anstrengend gewesen und sie spürte jeden Knochen in ihrem Körper. Doch der ersehnte Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen.
Sie sah Kondo an. Sein Gesicht war friedlich und entspannt, sein Brustkorb hob und senkte sich. Sie fuhr ihm sachte durch die blonden Haare, um ihn nicht zu wecken.
Bilder kamen ihr ins Gedächtnis, die sie lange Zeit erfolgreich verdrängt hatte.

Die Luft war dunstig und beißend. Jeder Atemzug schmerzte in den Lungen. Die Blätter der Bäume waren bräunlich verfärbt und das einst so saftige, grüne Gras war verdorrt. Am Horizont sah man Rauchschwaden aufsteigen. Ein untrügliches Zeichen für einen der vielen Seuchenkessel, die das Land zu dem gemacht hatten, was es nun war: eine giftige Hölle.
Je weiter sie nach Osten ritten, desto schlimmer wurde der Anblick. Die Geißel hatte dieses Land fast völlig unter ihrer Kontrolle. Stratholme war gefallen und Arthas, der einst ihr großes Vorbild gewesen war, hatte die Seiten gewechselt und führte nun die Geißel an.
Xoranya fühlte sich wie in einem Alptraum gefangen. Sie hoffte, jeden Moment aufzuwachen, doch es war bittere Realität.
„Kaptain Wallerstein!“, Xoranya wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen.
„Wir haben feindliche Truppen nordöstlich ausgemacht. Es sind mehrere hundert, etwa dreimal so viele wie wir. Sie ziehen Richtung Darroheim.“
Xoranya nickte dem Soldaten zu. „Danke, Leutenant!“ Sie straffte die Zügel ihres Pferdes und eilte zu Davil Lichterschein, der an der Spitze der Streitmacht ritt.
„Mylord,“ sagte sie. „Die Geißel nähert sich Darroheim. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch vor ihnen die Stadt erreichen wollen.“
Davil nickte Xoranya zu. „Holt Eure Leute, wir werden vorausreiten, Wallerstein.“
Xoranya wendete ihr Pferd und eilte zu ihrer Einheit zurück.
„9. Kompanie, hervortreten!“ brüllte sie.
Fünfzig Paladine in prächtiger, aber durch zahlreiche Kämpfe stumpf gewordener, Rüstung verließen den Zug und gruppierten sich abseits.
„Wir werden nach Darroheim vorausreiten.“ Sie wendete ihr Pferd und rief: „Vorwärts!“
Davil und Xoranya preschten mit ihren Schlachtrössern voraus und hinter ihnen der Stolz der Silbernen Hand und letzte Hoffnung für die Bevölkerung von Darroheim.

Der Kampf was aussichtslos. Die Geißel war ihnen zahlenmäßig überlegen. Und jeder ihrer eigenen Männer, der in der Schlacht fiel, wurde von Nekromanten wiedererweckt zu einem blutrünstigen, seelenlosen Zombie, der seine Kameraden niedermetzelte ohne mit der Wimper zu zucken.
Der erste Angriff konnte noch von Kaptain Joseph Rotpfad und der Volksmiliz zurückgeschlagen werden, doch die zweite Welle zwang sie in die Knie. Die Bewohner wurden in den beiden hintersten Gebäuden zusammengepfercht, während auf dem großen Platz des Dorfes die Schlacht tobte.
„Papa, Papa!“ Ein kleines Mädchen stürzte aus einem der Häuser. Xoranya drehte sich um und wollte das Kind sofort wieder ins Haus bringen, doch da rannte Joseph Rotpfad herbei und hob die Kleine hoch.
„Pamela, bleib im Haus! Papa holt dich, wenn alles vorbei ist!“
Das Mädchen begann zu weinen.
„Papa, bleib bei mir. Ich habe Angst!“
Er drückte und küsste das Mädchen und trug sie ins Haus zurück.
„Ich verspreche dir, ich werde dich holen, wenn die bösen Zombies alle tot sind, Pamela!“
Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und schloss die Tür. Mit wildem Kampfgeschrei stürzte er sich in den Kampf.
Xoranya sah noch wie der Todesritter Marduk sich ihm näherte und ein Strahl dunkler Energie den Kaptain einhüllte.

Davil Lichterschein war tot. Aus unerfindlichen Gründen hatte die Volksmiliz unter Joseph Rotpfad sich gegen die Paladine gewandt und begonnen die Bevölkerung abzuschlachten. Von ihrer Einheit war nur noch Thorben am Leben. Zu zweit trieben sie die handvoll Überlebenden die Berge hinauf.
„Wo ist das Mädchen, Pamela?“, Xoranya suchte den Flüchtlingstrupp ab. Doch sie konnte sie nicht finden.
„Wir müssen sie vergessen haben, ich geh noch mal zurück!“ Thorben packte sie am Arm.
„Das wäre dein Tod, Xoranya!“
„Ich kann sie doch nicht alleine dort zurücklassen“, Tränen standen in ihren Augen.
„Wir brauchen dich hier, Xora. Sonst streben wir alle!“ Thorben sah ihr eindringlich in die Augen.
Er hat recht, dachte Xoranya. Sie warf einen letzten Blick zurück auf das brennende Darroheim. Dann wandte sie sich um und atmete tief durch. Sie sprach einen Segen des Schutzes auf die Flüchtlinge und führte die Menschen weiter in die Berge.

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