Ein breiter purpurroter Teppich war ausgerollt worden und führte zum Thronsaal. Tausend Kerzen erhellten den hohen Raum. Menschen jubelten. Rosenblätter wurden von den Emporen gestreut.
„Xoranya?“ Kondos Stimme holte sie aus ihren Gedanken. Die anderen saßen schon auf ihren Reittieren und so schickte sie sich an ihr Schlachtroß zu rufen.
Gemeinsam ritten sie aus der Valianzfeste zu dem nahegelegenen, von der Geißel überrannten Dorf, wo schon die letzte Trainingseinheit stattgefunden hatte. Als Kondo die Übung erklärte, schweifte ihr Blick über die Felder.
Feldarbeiter standen am Straßenrand und riefen freudig, ihre Heugabeln gen Himmel gestreckt. Kinder liefen hüpfend und kreischend hinterher.
Gurgelnde Geräusche holten sie in die Wirklichkeit zurück. Eine Meute Ghule folgte einem Bären, der sich zielstrebig auf die Gruppe zubewegte.
Themroc! Schnell sprach sie einen Heilzauber.
Als Kondo den nächsten ins Feld schickte, begann sie leise ein Lied vor sich hinzusummen.
Sie fühlte sich seltsam benommen und ihre Gedanken waren wie zäher Brei.
Zum Schluss war es an ihr die Ghule vom Feld herzulocken. Gleichmütig rannte sie los. Jeder Schritt schwer wie Blei. Dem ersten rammte sie ihr Schild in die Fratze, dem nächsten schlug sie mit ihrem Streitkolben in die Rippen. Sie achtete nicht darauf, wie viele ihr folgen und kehrte zur Gruppe zurück.
Kondo war nicht zufrieden. Sie starrte auf die am Boden liegenden Gerippe. Es war ihr egal.
Er schickte sie noch mal los und wieder brachte sie nur wenige mit.
„Ich bin besseres von dir gewohnt!“ Sollte der scharfe Ton in seiner Stimme nicht ihren Ehrgeiz wecken?
Alle setzten sich und so tat sie es ihnen gleich. Gedankenverloren begann sie das trockene Gras aus dem Boden zu rupfen. Es war so kalt. Sie spürte ihre Beine kaum und war dankbar als sie endlich wieder aufbrachen. Zurück zur Feste ins Gasthaus.
Im Gastraum sprach Kondo sie darauf, an wie unkonzentriert sie heute wäre. Was denn los sei.
Unkonzentriert. „Ja, ich weiß auch nicht!“
Als sich ihr ein Zwerg zudringlich näherte, ergriff sie die Flucht ins obere Stockwerk, um ihre schwere Rüstung loszuwerden und überließ Kondo das Gespräch. Leise summend setzte sie sich schließlich vor den Kamin, um die Kälte aus ihren Knochen zu vertreiben.
Kondo und der Zwerg Gärd setzten sich irgendwann zu ihr und Kondo fragte wieder, wie es ihr ging. Sie überlegte lange, was sie darauf antworten sollte.
„Ständig geht mir dieses Lied durch den Kopf,“ sagte sie schließlich.
„Das du die ganze Zeit summst?“ Kondo nahm ihre Hand.
Summte sie es unbewußt? „Es kommt mir so bekannt vor, wahrscheinlich aus Kindertagen!“
„Ah, ein Kinderlied! Wenn Frauen Kinderlieder singen..“ feixte Gärd.
Xoranya begann zu singen.

Es stand im hohen Norden,
ein Schloss so hoch und hehr,
weit blickt es über die Lande
bis an das blaue Meer
und rings von faulenden Toten
ein schreckensreicher Kranz
drin folgten verlor’ne Seelen
dem Nekromantentanz.

Dort saß ein stolzer König,
an Land und an Siegen reich,
er saß auf seinem Throne
so finster und so bleich,
denn was er sinnt ist Schrecken
und was er blickt ist Wut
und was er spricht ist Geißel
und was er schreibt ist Blut.

Kondo und Gärd schwiegen.
„Das ist kein Kinderlied,“ sagte Kondo schließlich. Gärd schüttelte den Kopf.
„Das erinnert mich eher an die Eiskronenzitadelle.“ Kondo sah Xoranya besorgt an.
„Es ist das letzte woran ich denke, wenn ich zu Bett gehe und das erste, wenn ich morgens aufstehe.“ Xoranya starrte auf ihre Hände. Sie fühlten sich seltsam taub an.
„Das ist sicher ein fauler Zauber,“ sagte Gärd bestimmt. „Habt ihr euch Feinde gemacht in letzter Zeit?“
Sie wusste nicht, wie oder wen. „Ein Zauber?“
Eine schreckliche Müdigkeit überfiel sie plötzlich und so verabschiedete sie sich schnell von allen.
Als sie nach oben ging summte sie wieder das Lied.

In Gedanken schaute sie aus dem Fenster auf die eiskalte See und die Eisschollen, die darauf trieben.
„Mein Stern,“ sagte Kondo leise. Dennoch erschrak sie und wies ihn zurecht, sich nicht so von hinten an sie heranzuschleichen.
Er sah sie besorgt an. „Wir sind zu oft von einander getrennt. Es ist nicht gut für dich.“
„Ich würde dich gerne öfter sehen, aber die Offensive an der Zitadelle erfordert jeden fähigen Kämpfer.“ Sie umarmte Kondo und etwas von der Kälte wich aus ihrem Körper.
„Ich werde in Zukunft besser auf dich aufpassen müssen,“ er versuchte zu lächeln, aber die Sorgenfalten um seine Augen blieben.
Xoranya versuchte das Lächeln zu erwiedern. „Das wäre wundervoll,“ sagte sie leise. „Jetzt bin ich aber so schrecklich müde, ich muss mich hinlegen.“
Sie schleppte sich zum Bett und fiel schlapp auf die harte Matraze. Dass Kondo sich neben das Bett setzte nahm sie schon nicht mehr wahr.

Als sie wieder erwachte, legte sie schnell ihre Rüstung an. Die Müdigkeit hing noch in ihrem Kopf und den Gliedern, als sie leise summend die Treppe hinunter schritt.
War Kondo noch oben gewesen? Egal! Sie musste fort. Es zog sie gen Norden.

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