Xoranya….
Xoranya, warum hast du uns verlassen?
Es war dunkel um sie herum. Leichtes Dämmerlicht spitzelte durch die Fensterspalten.
Xoranya, warum hast du uns verlassen?
Die Stimmen waren um sie herum. Sie drehte sich, aber sie konnte niemanden erkennen. Ein kalter Luftzug streifte ihr Haar. Sie begann zu frieren.
Kerzenschein erhellte plötzlich den Raum. Xoranya konnte einen großen Tisch und eine Kommode erkennen. Sie sah sich um. Ja, sie war im Haus ihres Vaters. Sie ging zum Kamin, um Feuer zu machen.
Xoranya, warum hast du uns verlassen?
Die Stimme war direkt hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um.
Da stand er vor ihr, mit seinen wallenden blonden Haaren und den dreckigen, rauen Händen, Jordan. Sein Gesicht war hager und seine Kleidung abgenutzt. Er sah sie ernst an. Xoranya wollte ihm umarmen, doch ihre Hände griffen ins Leere.
Xoranya, warum hast du uns verlassen? Wiederholte der Geist.
Xoranya wich einen Schritt zurück.
Nein! Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie damit die Erscheinung vertreiben. Tränen schossen ihr in die Augen.
Hinter ihrem Bruder trat eine weitere Gestalt aus den Schatten. Ihr Vater kam langsam auf sie zu.
Wo warst du, als wir dich brauchten?, fragte er monoton.
„Ich….es war…..die Invasion…..“ Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
Die geisterhaften Gestalten kamen auf sie zu. Ihre Blicke fixierten sie und Xoranya wich ihnen aus. Sie legte die Hände vor die Augen und schluchzte.

Ein ätzender fauliger Geruch stieg ihr in die Nase. Sie nahm die Hände vom Gesicht und sah durch den Schleier der Tränen, wie ihr Bruder mit einem Ghul kämpfte. Sie wollte ihm zu Hilfe eilen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Sie musste mit ansehen, wie ihr Bruder schwer verletzt zu Boden stürzte. An seiner linken Schulter klaffte eine große Wunde, die stark blutete. Er schrie vor Schmerzen. Verzweifelt kroch er Richtung Kamin. Der Ghul bohrte seine Krallen in Jordans Rücken und riss sein Rückgrat auf. Mit letzter Kraft erreichte er den Kamin, nahm ein brennendes Holzscheit heraus und hielt es dem sabbernden Ghul entgegen.
„Verzeih mir, Vater!“, sagte Jordan.
Der Ghul stürzte sich auf ihn. Die vertrockneten Hautfetzen des Ghuls fingen Feuer. Er gab einen markerschütternden Schrei von sich und taumelte zurück. Jordan warf das Holzscheit in die Ecke. Dort lagerte kleingehacktes Holz, das langsam im Flammen aufging. Er nahm ein weiteres Holzscheit aus dem brennenden Kamin und warf es quer durch den Raum. Der Guhl rannte zur Tür und rüttelte daran. Doch sie war verschlossen. Ebenso wie die Fenster. Er versuchte mit seinen Pranken ein Loch in die Tür zu schlagen. Doch das Feuer, das ihn ergriffen hatte, breitete sich schnell aus. Noch bevor er die Tür einreißen konnte, stand der Ghul in Flammen.
Jordan hatte sich aufgerichtet, um den Ghul an seinem Fluchtversuch zu hindern. Als er erkannte, dass der Ghul nicht entkommen konnte, ließ er sich auf den Boden sinken. Blut quoll aus seinem Mund und er rang verzweifelt nach Luft. Die Arme und Beine zuckten einen Moment, dann erschlaffte sein Körper und der Kopf sank zur Seite. Die groß aufgerissenen, hervorgequollenen Augen starrten Xoranya an.
Sie wollte zu ihm rennen, sie wollte schreien. Doch reglos, gefangen in ihrem Körper, musste sie den Todeskampf ihres Bruders mit ansehen.
Xoranya, warum hast du uns verlassen? Hallte die Stimme ihres Bruders in ihrem Kopf wider.

Xoranya schreckte auf. Sie saß aufrecht im Bett. Ihr Herz raste und sie zitterte am ganzen Körper. Neben ihr lag tief schlummernd Kondo. Sie strich ihre Haare aus dem Gesicht und legte sich schwer atmend wieder hin. Sie kuschelte sich in Kondos Arm und legte ihre Hand auf seine Brust. Xoranya fühlte seine Wärme und entspannte sich wieder.
Sie versuchte, den Traum zu verdrängen und stattdessen an ihre Hochzeit vor einigen Tagen zu denken. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Während der Trauung war sie so aufgeregt gewesen. Die vielen Gäste in der Kathedrale des Lichts in Sturmwind, Rusalkas ehrfürchtige Worte…das alles war so berauschend gewesen.
Die anschließende Feier würde sie niemals vergessen. All die Glückwünsche und Geschenke, die sie bekommen hatte, hatten einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Und auch der Auftritt der Theatergruppe würde ihr immer in Erinnerung bleiben.
Sie drehte den goldenen Diamantring an ihrer rechten Hand und kicherte leise. Sie umarmte Kondo und drückte ihn leicht. Er drehte sich zu ihr und legte seinen Arm um ihre Hüfte. Mit einem Seufzen schloss sie die Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als sie aufwachte, war es schon hell und der Platz neben ihr leer. Kondos Schild und seine Axt standen noch in der Ecke. Sicherlich war er zur Schmiede gegangen, um an den Rüstungsteilen weiterzuarbeiten.
Xoranya zog eine leichte Hose und ein Lederwams an. Sie nahm den Wappenrock der Tempelwache in die Hand, der über der Stuhllehne hing und betrachtete ihn eine Weile.
„Verzeih mir, Saviya. Ich kann nicht anders!“ Sie faltete den roten Samt mit den golden bestickten Löwen und legte ihn aufs Bett.

Zielstrebig betrat sie die Katakomben der Kathedrale des Lichts. In einem Seitengang traf sie Bruder Crowley. Er musterte sie etwas überrascht, lächelte dann aber, als er das Funkeln in Xoranyas Augen sah.
„Was führt dich hierher, mein Kind?“ fragte er mit sanfter Stimme.
„Ich möchte Rache nehmen an dem Tod meiner Familie!“, sagte sie bestimmt.
Crowley wies ihr den Weg in sein Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen.

Als sie die Kathedrale wieder verließ, hielt sie eine kleine Brosche in Form einer Flamme mit roten Edelsteinen besetzt in der Hand.

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