Schon von weitem sah Xoranya den Wegweiser, der die Abzweigung nach Darroheim ankündigte. Als sie und Kondo dem Weg folgten, breitete sich ein unangenehmes Gefühl in ihrem Bauch aus. Ein Klos bildete sich in ihrem Hals und die verpestete Luft drückte schwer auf ihre Brust.
Hinter einem Hügel lag das kleine Städtchen. Vor dem Ortseingang wehten noch die zerfledderten Banner der Stadtflagge. Dahinter tat sich ein Bild des Schreckens auf.
Xoranya stieg von ihrem Schlachtroß. Entsetzt blickte sie auf das, was von der Stadt Darroheim übrig geblieben war. Die meisten Häuser waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Dachstühle einiger anderer waren eingestürzt und die Fensterläden hingen herab. Ein modriger Wind pfiff durch die zerstörten Häuser.
Kondo nahm ihre Hand. Erst jetzt merkte sie, dass sie zitterte.
„Welch entsetzlicher Anblick,“ sagte Kondo leise. „Wen glaubst du hier zu finden?“
Xoranya deutete in die Richtung eines abgelegenen Hauses in den Hügeln.
„Dort oben haben wir die Einwohner in Sicherheit gebracht, als die Armee der Geisel in Darroheim einfiel.“ Sie schluckte schwer. „Ich dachte, wir hätten die kleine Pamela bei der Flucht mitgenommen. Doch als ich ihr Fehlen bemerkte, was es schon zu spät um zurückzukehren.“
Kondo nickte nur und folgte ihr den Hügel hinauf.
Nur noch ein paar Wände des Hauses standen. Der Anblick ließ vermuten, dass niemand der sich darin befunden hatte, den Angriff überlebt haben konnte. Als Xoranya die Türschwelle betrat, hüpfte ihr eine kleine geisterhafte Erscheinung entgegen.
„Hallo, ich bin Pamela. Wer bist du?“
Xoranya starrte das kleine Mädchen mit offenem Mund an. „Ich … bin … Xoranya“, stammelte sie.
Die geisterhafte Erscheinung tippelte um Xoranya herum.
„Meine Tante Marlene hat gesagt, ich soll hier bleiben, weil mein Vater in den Kampf ziehen muss. Mein Vater ist der mutigste Mann auf der ganzen Welt! Aber ich bin schon so lange hier und er ist nicht gekommen, um mich abzuholen.“ Sie beugte sich zu Xoranya und flüsterte: „Manchmal kommen böse Leute und flüstern mir etwas zu und ich will, dass mein Vater sie wegjagt, aber er ist nicht hier! Und manchmal, wenn es dunkel wird, möchte ich mit meiner Puppe spielen, aber das kann ich nicht, weil ich sie in der Stadt gelassen habe.“ Pamela lächelte Xoranya gewinnend an. „Könnt Ihr vielleicht meine Puppe für mich suchen?“
Xoranya brachte nur ein zaghaftes Nicken zustande.
Vor dem Haus blieb sie stehen. „Das arme Kind! Ein Geist! Sie weiß nicht, dass sie tot ist.“, Tränen schossen ihr in die Augen.
„Vielleicht sollten wir wirklich ihre Puppe suchen. Dann wird ihre Seele Ruhe finden,“ Kondo legte tröstend seinen Arm um Xoranyas Schulter.
„Ja, das sollten wir!“ Entschlossen machten sie sich auf den Weg zurück zum Stadtzentrum. Sie durchsuchten alle Häuser, bis sie schließlich die Einzelteile der Puppe gefunden hatten. Der Kopf war schwarz von Ruß, die Haare versengt und das Gesicht nahezu unkenntlich. Notdürftig konnten sie die Arme und Beine am Körper befestigen.
Pamela strahlte, als sie ihre Puppe in Händen hielt. Ihr Aussehen schien ihr nichts auszumachen.
„Vielen lieben Dank, Xoranya!“ Sie drückte die Puppe an sich und lächelte. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck ernst. „Manchmal kann ich nachts meinen Onkel Carlin weinen hören. Es klingt, als ob er weit weg wäre. Ich hoffe, dass er nicht um mich weint! Xoranya, werdet Ihr meinen Onkel suchen und ihm sagen, dass es mir gut geht?“
„Ja, mein Kind, das werde ich.“, sagte Xoranya mit gebrochener Stimme.
„Oh, fein! Dann kann er mir endlich wieder seine Geschichten erzählen.“ Pamela begann wieder, durch den Raum zu hüpfen. Sie summte ein Lied vor sich hin und schien Xoranya und Kondo nicht mehr zu bemerken.
Schweigend verließen Xoranya und Kondo Darroheim. Als sie die Ruinen hinter sich gelassen hatten, bestiegen sie ihre Schlachtrösser.
„Ich habe Carlin Rotfad an der Kapelle des hoffnungsvollen Lichts gesehen.“, sagte Kondo schließlich.
Xoranya nickte. „Dann lass uns ihm die traurige Nachricht über seine Nichte bringen.“

Carlin Rotpfad war schockiert, als er vom Schicksal der kleinen Pamela erfuhr. Er erzählte davon, wie die Bürger der Stadt nach ihrem Tod zu willenlosen Zombies wurden und sich blutrünstig auf ihre Angehörigen stürzten.
„Einige irren immer noch bei Corins Kreuzung umher und gieren nach unschuldigen Reisenden, die sich ohne Begleitschutz in dieses Gebiet wagen. Ich bitte Euch, befreit sie von ihrem Leid. Ihre Seelen werden es Euch danken.“
Xoranya nickte zustimmend. Wenn es etwas gab, das sie für die Opfer der Schlacht um Darroheim tun konnte, dann war sie dazu bereit. Vielleicht war das der Weg, sie von ihren Albträumen zu befreien und auch mit sich selbst ins Reine zu kommen.
Die beiden Paladine spornten ihre Pferde an.
Möge das Licht mit uns sein, dachte Xoranya.

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