Xoranya trat hinaus in das helle Tageslicht. Sie atmete tief aus und ein, um den ekelerregenden Gestank der Kanalisation von Dalaran hinter sich zu lassen. Wie sie diesen Ort in den letzten Tagen zu hassen gelernt hatte. Aber dort trieben sich die zwielichtigen Gestalten herum, die ihr das beschaffen konnten, was sie jetzt am dringendsten brauchte.
Sie eilte durch die überfüllten Straßen, vorbei an der Schmiede, von wo ihr ein Rauchschwall entgegenkam. Viel Geschrei tönte aus dem kleinen Gebäude, Menschen liefen hektisch hinein und heraus. Sie schenkte dem Treiben nicht länger Beachtung und lief die Straße weiter hinunter. Angelique schien sie schon erwartet zu haben. Sie holte ein Päckchen aus dem Lager, als Xoranya den Laden betrat. Mit einem warmen Lächeln reichte sie es ihr und sagte: „Wie geht es Eurem Mann?“ Xoranya gab ihr die abgezählten Münzen.
„Gut, es geht ihm mittlerweile wirklich schon viel besser, auch dank Eurer Hilfe. Ich denke, ich werde nicht mehr allzu oft bei Euch vorbeischauen.“ Sie schaute etwas verlegen, hatte sie doch in letzter Zeit so viele nützlichen Ratschläge von der Frau erhalten. Was sie bei weitem für nicht selbstverständlich hielt.
Angelique senkte leicht den Kopf. „Ich helfe, wo ich kann. Richtet ihm meine besten Genesungswünsche aus.“
„Selbstverständlich, das Licht schütze Euch.“ Und mit einem knappen Gruß war Xoranya auch schon wieder verschwunden.
Der Tumult um die Schmiede hatte sich schon etwas gelegt, als sie den Zauberkasten betrat. Sie eilte die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer und öffnete leise die Tür. Kondo schlief noch. Sie stellte das Päckchen auf den Tisch und nahm einige in kleine Säckchen gehüllte Phiolen aus ihrer Seitentasche.
Nachdem Kondo im Lazarett am Turnierplatz erwacht war und der Arzt ihn für transportfähig erklärt hatte, war sie mit ihm nach Dalaran geflogen. Verschiedene Ärzte, Lichtpriester und Magiekundige waren in den letzten Tagen in ihrem kleinen Zimmer im Gasthaus ein- und ausgegangen. Und wenn sie nicht gerade unterwegs war, um Besorgungen zu machen, saß sie auf dem Sessel neben dem Bett und las. Die ersten Tage schlief Kondo noch die meiste Zeit und ließ sich kaum davon überzeugen, die Suppen und Breie zu essen, die Xoranya versuchte ihm mit Engelszungen schmackhaft zu machen. Aber immerhin nahm er die verordneten Elixiere und Tränke zu sich. Er erholte sich rasch und war bald nur noch mit Mühe im Bett zu halten. Und so verbrachten sie viel Zeit auf dem Balkon des Gasthauses und sahen dem bunten Treiben auf den Straßen zu.
Es raschelte hinter ihr. „Mein Stern.“
Xoranya setzte sich aufs Bett. „Du bist wach!“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Heute haben wir was besonderes vor,“ sie zog an der Zimmerglocke.
Kondo sah sie erwartungsvoll an und wollte gerade etwas erwidern, da platzte es schon aus ihr heraus: „Wir machen einen kleinen Spaziergang!“
Es klopfte an der Tür und eine junge Magd schaute herein. „Was darf ich bringen, Mylady?“
„Etwas Suppe und das Schaufelhauerragout mit Knödeln, zwei Portionen. Und einen Krug Wasser und eine Kanne Honigminztee. Wir kommen hinunter.“ Das Mädchen machte einen Knicks und schloss die Tür.
Xoranya holte ein Runenstoffwams aus dem Schrank und half Kondo beim Anziehen. In einer ruhigen Ecke des Gastraumes wurde ihnen das Essen serviert und Xoranya sah zufrieden, wie Kondo das Ragout gierig hinunterschlang. Ein Pflaster an seiner Stirn war das einzige, was noch auf die letzten Ereignisse hindeutete. Über das, was am Turnierplatz geschehen war, hatte sie nichts aus ihm herausbringen können. Sie fragte sich, ob der Verlust seiner Erinnerungen auch ein Stück weit Selbstschutz sein mochte. Aber nun war nur noch wichtig, dass er wieder zu Kräften kam.
Das morgendliche Chaos auf den Straßen war etwas abgeebbt, als sie das Gasthaus verließen. Arm in Arm schritten sie langsam zu dem Springbrunnen inmitten der Stadt.
„Es freut mich, dass es dir schon wieder so viel besser geht“, Xoranya strahlte. „Das muss etwas mit diesem magischen Ort zu tun haben.“ Sie deutete auf die strahlend weißen Häuser mit den goldenen Kuppeln.
„Wenn man so umsorgt wird, ist es gar kein Wunder!“, Kondo grinste breit.
Ein Schatten legte sich über Xoranyas Gesichtszüge. „Du bist alles, was mir geblieben ist.“ Sie blieb stehen und sah ihn eindringlich an. „Verspricht mir, dass du in Zukunft besser auf dich aufpassen wirst. Ich will dich nicht auch noch an die Geißel verlieren.“
Ein Jahr war es nun her, dass ihr Vater und Bruder durch die verseuchten Nahrungsmittel, mit denen der Invasion der Geißel in den östlichen Königreichen der Weg geebnet werden sollte, infiziert wurden und auf ungeklärte Weise den Tod fanden. Ihr sinnloser Tod und das Leid so vieler anderer spornte sie an, dem Lichkönig und seinen Schergen ein für alle Mal das Handwerk zu legen. Wie nah sie selbst dabei am Abgrund stand, war ihr nicht bewusst gewesen. Der Tod war ihr ständiger Begleiter geworden. Aber die Vorstellung, dass er jemanden ereilen könnte, der ihr alles bedeutete…
Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie diese dunklen Gedanken vertreiben.
Kondo berührte sie sanft an der Wange und sah ihr mit seinem warmen Lächeln in die Augen.
„Ich verspreche es, beim Licht und allem, was mir heilig ist.“

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