Xoranya saß im unteren Gewölbe der Kathedrale an einem Tisch und las. Sie hatte sich von ihrem früheren Lehrer und Mentor „Das Kompendium der Gerechtigkeit“ ausgeliehen, um sich die Tugenden der Paladine und die Grundfesten des Glaubens in Erinnerung zu rufen. Ganz vertieft in die alte Schrift, bemerkte sie Bruder Crowley erst, als er sich zu ihr setzte.
„Entschuldige, mein Kind, wenn ich deine Studien unterbreche. Aber du scheinst eifrig dabei zu sein, die Lehren des Lichts in dir zu verfestigen.“
Xoranya sah auf und fragte sich, was diese merkwürdigen Worte zu bedeuten hatten.
„Ich suche jemanden, der mir hilft, meine Sorgen um einen alten Freund zu zerstreuen“, sagte der ältere Mann. „Ich habe schon mehrfach ein Gesuch an den Orden gerichtet, aber bisher schien niemand willens meiner Bitte nachzukommen.“ Er lächelte gewinnend. „Und wie ich dich hier so sitzen sah, dachte ich mir, vielleicht würde ein junger Paladin, der auf der Suche nach Abenteuern ist mir helfen können.“
„Um was geht es, Bruder?“, Xoranya war stets dazu bereit, ihre Hilfe anzubieten, solange sie der Gerechtigkeit diente.
„Bruder Anton ist schon vor einigen Monaten nach Kalimdor aufgebrochen. Er hat immer wieder Nachrichten geschickt und über seine Erfolge berichtet. Sein letzter Brief kam aus Desolace, von einem Stützpunkt, der sich Nijelspitze nennt. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Und es ist bekannt, dass dieses Land zu einem der gefährlichsten zählt. Würdest du ihn für mich suchen, Kind?“ Crowley sah sie mit großen treuen Augen an.
„Ich werde Euch helfen.“, sagte Xoranya entschlossen. „Hoffen wir, ihn lebendig zu finden.“
Crowley stand auf und deutete eine Verbeugung an. „Ich steh in deiner Schuld, mein Kind!“
Xoranya sah im nach, bis er in einem Nebenraum verschwunden war, dann klappte sie das Buch zu und ging nach oben. Sie würde Kondo ein Telegram senden. Sicherlich würde er sie auf dieser gefährlichen Reise begleiten.

Als Kondo und Xoranya das Schiff nach Theramore betraten, protestierte ihr Magen. Sie hasste die Schiffahrt, dieses unentwegte Geschaukel bekam ihr nicht gut. Als sie in Theramore vor Anker gingen, dankte sie dem Licht.
Die Reise nach Desolace war beschwerlich. Sie hatten einen weiten Weg zurückzulegen und die Sonne des Brachlandes brannte unerbittlich auf sie nieder.

Kaum hatten sie den Spähposten am Taleingang zum Steinkrallengebirge erblickt, tönte ihnen Kampfgeschrei entgegen und eine Wache der Orks stürzten sich auf sie.
„Grünhäutige Bastarde!“ zischte Xoranya und schmetterte ihren Streitkolben gegen den Brustkorb der Orkin. Ein gleißender Lichtblitz ging auf die Orkfrau nieder und Kondos Schwert bohrte sich tief in ihren Bauch. Als er es mit einem Ruck herauszog, fiel sie mit einem Grunzen zu Boden. Gemeinsam stürzten sie sich auf den Ork, der zu Hilfe eilte. Kondo lenkte ihn ab. Xoranya schwang ihren Streitkolben und traf den Ork im Genick. Ein lautes Kacken war zu hören, danach fiel der Ork in den staubigen Sand. Kondo wischte sein blutverschmiertes Schwert an dem Ork ab und beide schwangen sich auf ihre Schlachtrösser.
„Ich hasse Orks!“, sagte Xoranya, als sie sich angewiedert von den Leichen abwandte.

Die weitere Reise verlief ohne Zwischenfälle, so dass sie am späten Nachmittag die Nijelspitze erreichten.
Bruder Anton hatte sich im Gasthaus einquartiert und war froh, endlich wieder Nachricht aus der Heimat zu erhalten.
„Ihr werdet es nicht glauben! Die Geißel ist selbst in die entlegensten Gebiete Kalimdors vorgedrungen. Im Süden von Desolace haben sie sich in einem Tal zusammengerottet. Tötet dieses Pack, bevor es sich wie eine Seuche über den ganzen Kontinent ausbreitet.“, seine Augen blitzten vor Wut.
Xoranya berührte das Medaillon um ihren Hals und nackter Hass keimte in ihr auf. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie sich ausmalte, wie ihr Streitkolben die untote Plage zerschmetterte.
„Du musst immerzu an deinen Vater denken, nicht?“, fragte Kondo mit einem sorgenvollen Blick.
Xoranya nickte. „Lass uns aufbrechen und diesem Aas ein Ende bereiten.“
Beide verließen das Gasthaus und schwangen sich auf ihre Schlachtrösser.
Desolace war ein karges, von dämonischen Mächten geschundenes Land. Aschschwarzer Sand bedeckte die Hügel und Hänge. Aasgeier kreisten über ihnen, als warteten sie nur auf ihren Tod. Donnerechsen trampelten durch den Staub auf der Suche nach etwas Essbarem.
Schließlich gelangten sie zum Taleingang vor dem einige Skelette wandelten.
Xoranya stieg von ihrem Pferd ab und sprach einen Segen. Ohne zu zögern griff sie die Untoten an. Sie wollte nur eines: Vergeltung. Und dieser Auftrag kam ihr gerade recht, dem unbändigen Hass und all ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Sie stürmte von Gegner zu Gegner ohne Rücksicht auf die Wunden, die ihr die Skelettschrecken zugefügt hatten. Ihr Zorn hatte sie taub gemacht.
Die Geißel hatte sich an diesem Ort mit zentaurischen Totenbeschwörern verbündet. Einen nach dem anderen schickten die beiden Paladine in den Nether zurück.
Erst als das Tal vollständig von der untoten Bedrohung gesäubert war, gönnte sich Xoranya eine Verschnaufpause. Die Wut hatte sich gelegt. Zufrieden blickte sie zurück auf die Skeletthaufen, die sie hinterlassen hatten.
Xoranya warf Kondo einen bewundernden Blick zu. Er war ihr ohne Zögern gefolgt, hatte sie mit seinem Schild beschützt und Gebete der Heilung für sie gesprochen.
Sie sah in seine Augen und wusste, dass er sie niemals im Stich lassen würde. Dass er bereit war, für sie jeden Kampf auszufechten.

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