Xoranya hatte sich in einem Nebenraum der Abtei von Nordhain auf einer Bank niedergelassen. Sie liebte die ruhige Abgeschiedenheit der Abtei. Nur wenige Priester- und Paladin-Novizen hielten sich hier auf. Hier herrschte kein ständiges Kommen und Gehen, wie in der Kathedrale in Sturmwind.
Vor vielen Jahren als sie selbst noch Novize war, hatte sie diesen Platz in der Abtei erwählt, um über die Tugenden des Paladins zu meditieren.
Und nun war sie wieder hierher zurückgekehrt, in der Hoffnung die Antworten, die ihr das Licht damals gegeben hatte, wieder zu finden.
Zweifel waren in ihr aufgekommen. Die Ereignisse der letzten Wochen, ihre Gefühle, hatten sich überschlagen. Ihr Platz in der Welt schien plötzlich nicht mehr so klar, wie er es gewesen war.

Die Umrisse des Raumes verschwammen und sie fand sich in einem rustikal eingerichteten Haus wieder.
Xoranya stand am Feuer, über dem ein Topf mit dampfendem Eintopf hing. Sie hatte ihr langes blondes Haar zu einem Zopf geflochten, der ihr nun immer wieder nach vorne rutschte, als sie den Eintopf umrührte.
Sie legte den Löffel gerade in eine große Schüssel, als ihr jemand von hinten die Augen zuhielt.
„Ach, Jordan. Lass das!“, protestierte sie heftig. „Ich hab noch Arbeit!“ Xoranya stieß mit dem Ellenbogen in Jordans Rippen, der sofort losließ.
„Ach, was“, ein großer, schlanker junger Mann mit denselben blonden Haaren wie Xoranya winkte ab. „Für ein Geschenk ist immer Zeit!“
„Ein Geschenk?“, Xoranyas Augen leuchteten. „Was ist es?“ Sie hüpfte freudig von einem Bein auf das andere.
Jordan kramte in dem Leinenbeutel herum, den er um den Hals trug. Er holte eine kleine Holzschachtel hervor und reichte sie Xoranya.
Ungläubig öffnete sie die Schachtel und bewunderte die kleinen bunten Tütchen, die sich darin befanden.
„Pralinen aus Sturmwind,“ sagte Jordan stolz.
Xoranyas Mund blieb offen stehen. „Aber die sind doch so teuer!“, sagte sie entsetzt. „Vater wird toben vor Wut!“
Jordan nahm ihr die Schachtel wieder weg. „Wird er nicht! Denn er wird nichts davon erfahren!“, sagte er leise.
„Hier, Engelchen“, er hielt ihr ein Tütchen hin.
Xoranya nahm die Praline geschwindt und fiel ihm um den Hals. „Du bist der beste Bruder, den man haben kann!“
Genußvoll schob sie das Konfekt in den Mund. „Ich liebe Süßigkeiten!“

Das Bild verschwamm als Xoranya die Augen öffnete. Tränen tropften auf ihren Wappenrock. In ihren Händen hielt sie das Medaillon, das einzige, was ihr von ihrem Bruder geblieben war.
„Warum?“, hallte es immer wieder durch ihren Kopf. „Warum nur?“
Sie hatte ihr Leben dem Licht gewidmet. Und sie wusste, dass es ein Leben voller Hingabe zum Glauben sein würde.
Hatte sie nicht schon genug Leid gesehen und erlebt? Ihre Mutter war bei der Flucht vor den Orks gestorben als sie noch ein Kleinkind war. Wie schrecklich waren die Jahre der Hungersnot und der Entbehrungen nach dem zweiten Krieg in Lordaeron. Eine rachsüchtige Stiefmutter, die ihr das Leben zur Hölle machte. Und schließlich als junger Paladin der Kampf gegen die Seuche in Lordaeron, der so viele ihrer Kameraden zum Opfer fielen.
War das nicht genug für ihr noch so kurzes Leben? Musste sie auch noch ihre Familie verlieren, um….
Ja, warum? Welchem höheren Schicksal dient der Tod meines Bruders?, fragte sie sich.
Er, der nicht mal einer Fliege etwas zu Leide tun konnte. Der sein Leben lang für uns geschuftet hat. Der versuchte, uns unsere Mutter zu ersetzen. Mit welchem Recht hast du ihn zu dir genommen?
Xoranya wusste, dass diese Gedanken ketzerisch waren. Ein Paladin zweifelt die Weltordnung nicht an. Er hilft sie zu verbessern. Aber es weiß auch um das Elend, das dennoch existiert.
Xoranya spürte Wut und Hass. Und sie wusste, dass es falsch war. Sie hoffte inständig, dass ihr Gebet an diesem so vertrauten Ort, ihr helfen würde, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.
Sie schloss die Augen, um an etwas Angenehmes zu denken. Und sofort sah sie Kondos Gesicht vor sich. Die Erinnerungen an den letzten Abend durchfluteten sie und eine wohlige Wärme breitete sich in ihr aus.

Kondo hatte sie zum Tanzen eingeladen. Es war ein herrlicher Abend.
Kondo erzählte davon, wie stolz er war, bald die Weihen zum Wächter zu erhalten. Sie stießen auf dieses freudige Ereignis an und Xoranya erzählte von der Tempelwache und ihren Erlebnissen. Als Kondo sich ein Herz nahm und sie zum Tanz aufforderte, war sie zunächst etwas unsicher, da sie schon so lange nicht mehr getanzt hatte.
Die Zeit verging wie im Flug. Und als sie in seine Armen lag und sie sich langsam zum Takt der Musik bewegten, wünschte sie, diesen Augenblick für immer festhalten zu können.
Noch nie hatte sie diese Geborgenheit empfunden. Und als sich ihre Lippen fanden, schien die Welt um sie herum zu versinken.

Xoranya erschrak, als sie Schritte hörte.
„Oh, verzeiht, ich wollte Euch nicht im Gebet stören“, ein junger Priester stand vor ihr und zitterte, dass er seinen Stab kaum halten konnte. Erst jetzt bemerkte Xoranya, dass sie ihren Streitkolben gezogen hatte und in Angriffsposition stand.
„Verzeih mir!“, sagte sie knapp und eilte aus der Abtei.

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