Matte Dunkelheit umgab sie. Die Orientierung fiel ihr schwer. Sie schleppe sich in die Richtung, aus der sie glaubte, Geräusche zu hören. Ihr Körper fühlte sich taub an. Nur ein Gefühl brannte in ihrem Inneren … Hunger.
Sie hatte nur einen Gedanken… Essen. Am besten Fleisch, saftiges Fleisch.
Die Geräusche, die sie vernahm, wurden lauter. Waffenklirren und Kampfgeschrei. Irgendwo weinte ein Kind. Sie sah ein Dorf vor sich. Frauen rannten wild umher und schrien. Männer kämpften mit Heugabeln gegen die Eindringlinge. Doch sie sah keine Soldaten.
Langsam näherte sie sich dem Ort. Ihr Wunsch nach Nahrung wurde stärker, sie konnte ihn kaum noch kontrollieren.
Sie betrat das nächstbeste Haus und stand plötzlich vor einem kleinen Mädchen.
Das Kind begann sofort hysterisch zu schreien: „Mama, Mama, ein Monster! Mama, Mama!“
Sie wollte das Kind beruhigen. Sie war doch hier, um zu helfen. Doch aus ihrer Kehle drang nur ein dumpfes Röcheln.

Xoranya schreckte auf. Draußen war es noch dunkel. Sie dreht sich auf die andere Seite und versuchte, an Kondo zu denken. Kurz drauf war sie wieder eingeschlafen.
Als sie aufwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Sie sprang aus dem Bett und schrie auf vor Schmerz. Sie spürte jeden Knochen in ihrem Körper und fühlte sich wie von einem Dampfpanzer überrollt. Mit Mühe legte sie ihre Rüstung an. Ihre Axt schien so schwer wie ein Elek zu sein.
Schnell schob sie ein Stück Kuchen in den Mund und trank einen Schluck von dem kalten Tee, der auf dem kleinen Beistelltisch stand.
Xoranya leerte ihre Taschen aus. Sie wollte nur das Nötigste mitnehmen. Da fiel ihr eine kleine Schriftrolle auf. Sie nahm sie verwundert in die Hand.
Ich habe doch alle Briefe abgeliefert, wunderte sie sich. Sie rollte das Pergament auf und las:

Böse Geister rauben Euch nachts den Schlaf?
Ihr werdet von unangenehmen Erinnerungen geplagt?
Dann kommt in die Taverne „Der blaue Eremit“.
Ich kann Euch helfen!

Eine krakelige, nicht zu entziffernde Unterschrift und ein magisches Symbol bildeten den Abschluss des Textes.
Xoranya rollte das Pergament wieder auf und in der nächsten Sekunde zerfiel es zu Staub.
„Ach, Kondo“, Xoranya lächelte. „Wie hast du das wieder geschafft?“
Er hatte ihr versprochen jemanden zu finden, der etwas gegen ihre Alpträume tun konnte. Offenbar hatte er eine Person gefunden und ihr diese Nachricht gestern irgendwie zugesteckt, um sie zu überraschen. Das liebte sie so sehr an ihm.
Xoranya beschloss heute im Verlauf des Tages in dieser Taverne vorbeizuschauen.

Als sie am Hafen ankam , beriet gerade der Krisenstab. „Die Verluste sind hoch, wir haben Verstärkung angefordert. Der Abtransport der Verletzten muss besser organisiert werden. Wallerstein, du kümmerst dich darum!“
Xoranya salutierte. „Jawohl!“
In der Nähe der Kathedrale war ein provisorisches Lazarett eingerichtet worden. Xoranya begab sich dorthin, um die Lage zu überprüfen. Dann ließ sie sich einige Soldaten zum Schutz der Heiler zuweisen und bezog wieder am Hafen Stellung.

Gerade hatten sie einen Wachsoldaten gerettet, der von einem Skelettdrachen durch die Luft geschleudert worden war. Ein Arm und beide Beine waren auf unnatürliche Weise verdreht. Der Mann hatte das Bewusstsein verloren. Blut quoll aus einer offenen Wunde im Brustkorb. Xoranya versucht ihn am Leben zu erhalten, bis sie das Lazarett erreichten. Dort kümmerten sich sofort zwei Priester um den Verletzten. Xoranya wurde schwarz vor Augen und sie taumelte.
Ein Wachsoldat stützte sie. „Ihr solltet Euch eine Pause gönnen! Ihr bringt Euch nur selbst unnötig in Gefahr!“, sagte er mit bestimmter Stimme.
Xoranya nickte. „Sag dem Kommandanten Bescheid, dass ich mir etwas Essbares besorgen werde.“ Der Soldat nickte ihr zu und eilte zum Hafen zurück.
Das war eine gute Gelegenheit, die Taverne „Der blauen Eremit“ aufzusuchen, fand Xoranya.
Die Wirtsstube war leer und sie setzte sich an einen Tisch in der Ecke. Sie bestellte eine Hammelkeule und ein kühles Bier. Zwei Händler kamen schimpfend und feilschend in die Taverne und setzten sich etwas abseits.
Nach dem Essen wartete sie noch etwas, bis sie die Kellnerin rief, um zu zahlen. Als sie ihren Geldbeutel hervorholte, setzte sich eine vermummte Gestalt neben sie. Die Person schlug die dunkle Kapuze zurück und offenbarte ein hageres männliches Gesicht.
„Ihr sucht Erlösung von bösen Träumen?“, sagte er mit einer tiefen, ruhigen Stimme.
„Ja, hat Kondo Euch geschickt?“, fragte Xoranya gespannt.
Der Mann blickte sie eindringlich an. „Ja…natürlich!“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen.
Xoranya atmete erleichtert auf.
Wie einfältig die Kleine ist. Das wird ja ein Kinderspiel, dachte der Fremde bei sich und sein Lächeln wuchs in die Breite. Er holte eine kleine Phiole hervor, die mit einer violetten Flüssigkeit gefüllt war.
„Dies“, sagte er „ist ein Schlaftrunk, der Euch die schönsten Träume schenken wird, die ihr Euch vorstellen könnt.“
Xoranya griff nach der Phiole. Der Fremde zog sie zurück. „Doch nehmt nur wenige Tropfen davon, kurz bevor Ihr ins Bett geht.“
Xoranya nickte. Der Mann überreichte ihr den Trank.
„Was bekommt Ihr dafür?“, fragte Xoranya.
„Euer Geliebter hat mich ausreichend entlohnt!“ Er setzte die Kapuze auf und verschwand so unauffällig wie er gekommen war.
Die Kellnerin stellte mit Wucht einen Krug Bier vor Xoranya ab. „Von dem seltsamen Typen!“, sagte sie barsch.
Xoranya verspürte schrecklichen Durst und trank den Krug zur Hälfte leer. Die Händler waren mittlerweile gegangen und der Wirtsraum war wieder leer. Sie nahm noch einen Schluck und eine seltsame Müdigkeit umfing sie.

„Hey, Paladin. Schlaft Euren Rausch woanders aus!“, Xoranya spürte Tritte gegen ihren Fuß.
„Aufstehen! Sonst mach ich Euch Beine!“ Sie wurde unsanft von kräftigen Armen hochgezogen.
„Ihr seid eine Schande für das Licht!“
Xoranya blinzelte und sah verschwommen zwei Soldaten der Stadtwache. „So, nun verschwinde, Mädchen, bevor ich es deinem Vorgesetzten melde!“
Wut stieg in Xoranya auf. Wie konnten diese Rüpel mit ihr, einer Ritterin der Silberhand, so umspringen. Sie wollte die beiden zurechtweisen, als heftige Kopfschmerzen sie taumeln ließen. Sie hielt sich an einer Hauswand fest und atmete schwer.
Was war nur geschehen?
Sie erinnerte sich an die Taverne und den Fremden. Schnell schaute sie in ihre Tasche. Der Schlaftrunk war da. Doch als sie versuchte, sich an das zu erinnern, was danach geschah, wurden die Kopfschmerzen unerträglich.
Es war bereits dunkel. Xoranya eilte zum Lazarett zurück. Bestimmt vermisste man sie schon.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s